APN-2025-2Appennino Tosco-Emiliano I (nord)feat. Garfagnana, Monte Cimone & Monte Sole
Parco Nazionale Appennino Tosco-Emiliano
Einen länglichen, recht verwinkelten Verlauf in vier Provinzen entlang der Südgrenzen des Appennino Parmense und Appennino Reggiano (jeweils Emilia-Romagna) sowie entlang der Nordgrenzen des Appennino Massa-Carrara und des Appennino Lucchese (jeweils Toscana) zeichnet den Verlauf des Parco Nazionale Appennino Tosco-Emiliano. Eigentlich handelt es sich mehr um ein Sammelsurium einzelner Naturparks, die zu einem Nationalpark zusammengeschlossen wurden. Entsprechend häufig und zu unterschiedlichen Zeitpunkten habe ich dann einzelnen Zonen davon durchradelt oder tangiert. Nicht immer ist klar, wo die Parkgrenze ist, weil sich in Nationalparks ja auch immer Kernzonen von der Gesamtfläche unterscheiden und ferner die Eingangstore der Nationalparkorte nicht unbedingt immer schon innerhalb des Parks liegen. Ferner vermarkten sich einige Parkteile lieber unter dem eigenen Namen als unter dem des gesamten Nationalparks.

Schon der Passo di Cirone reicht an den westlichen Zipfel des Nationalparks. Von der Auf-und-Ab-Route nach Corniglia zweigen Stichstraßen weiter in das Gebiet der 100 Seen ab. Diesen Teil habe ich aber nicht erkundet, kann eine Querung nur auf Fahrwegen mit Schotter absolviert werden, über deren Qualität ich wiederum zu wenig weiß. Soweit dort eher außenrumgefahren, passiert man das kleine Dorf Casarola, das dem Dichter und Literaturübersetzer Attilio Bertolucci ehrwürdigen Tribut zollt. Während des Zweiten Weltkriegs zog er sich hier in die weltenferne Region des Apennins zurück. Fast möchte man meinen, dass er die Leere des virtuellen KI-Zeitalters voraussehen wollte, wenn er schrieb:
Vielleicht ist uns letzten Kindern des Zeitalters
des Impressionismus nichts anderes gegeben
als das Wirkliche nachzuahmen, während Schnee
auf eine Schar Sperlinge heruntertropft.

Seine Lyrik war jedoch mehr romantisch, in einem verwischten Schleier impressionistisch verwoben, mit brüchigen Linien, frei interpretierbaren Anspielungen, so wie hier:
September
Heller Himmel im September
Aufgeklart und voller Langmut
Über den belaubten Bäumen
Über den roten Ziegeln
Frisches Gras
Darüber Schmetterlinge flattern
Wie die Gedanken der Liebe
In deinen Augen
Tag der du vergehst rasch
Ohne Sehnen
Schön tönender Septembertag
Du spiegelst dich in meinem stillen Herzen
Attilio Bertolucci, übersetzt von Hans Raimund

Die poetische Region hatte mich ohnehin schon in der Nacht zuvor gefangen, als mich bei strömenden Regen ein Rentnerpaar in Grammatica einlud, unter ihrem Scheunendach zu schlafen, am Morgen bei einem gemeinsamen Gartenfrühstück die Idylle zu genießen. Spätestens am Lago Paduli am Passo del Lagastrello kreuzt man wieder den Nationalparkkern, gleichzeitig, zudem die Grenze zur Toskana. Verwunschen über den Passo del Giogo warten weite Ausblicke im Schatten des mächtigen Monte del Giogo, der verfallene Turm San Pietro von der Riesenbank vor Augen, zur anderen Seite das Castello di Comano.



Nochmal eine Teufelsrampe erwartete mich mit dem Passo della Caprettana, der nach Fivizzano überleitet, einem historisch bedeutenden Ort an der am Mathilde-Weg (vgl. dazu Kap. APN-2025-RW). Fivizzano bildet ferner das Zentrum der historischen, noch aus römischer Zeit abgeleiteten Landschaft Lunigiana, die als Machtbereich der langobardischen Adelsfamilie Malaspina sich zu Ende des Frühmittelalters etablierte. In ihr versammeln sich jeweils einige Gemeinden der Provinzen Massa-Carrara und La Spezia – also übergreifend der beiden Regionen Toskana und Ligurien. Die Region eignet sich für meine Toureinteilung weniger gut, sodass ich das hier im Bericht nicht als eigene Kategorie einbauen werde.


Gleichzeitig dient Fivizzano wiederum als Tor zum Nationalpark, mit den Laghi die Cerreto ein weiterer Parkteil, der seinen eigenen Charakter hat. Indes ist die SS63 über den Passo del Cerreto, wo man zu den Seen abzweigt, eine recht vielbefahrene Transitachse. Pass und See waren jedoch in Regen und Wolken gehüllt, das Erlebnis arg getrübt. Cerreto Laghi ist auch ein Touristenort mit Wintersportaktivitäten und wird mit dem künstlichen See und den klotzigen Hotels dem Naturstatus nicht ganz gerecht. Die verschwiegenen Seen erreicht man dann über eine Stichstraße und Pistenwege.



In direkter Folge setzte ich zu einer Umrundung des Massivs vom Monte Ventasso an, wo sich Weiler unter die aussichtsreichen Bergweiden mischen, auch manche Details wieder verwundern, was die Bewohner zur Zierde ihrer Dörfer bemühen. Den Höhepunkt der Ventasso-Runde setzt gewiss der Lago Calamone vor dem Bergkegel, ein Fröscheparadies auf 1400 m Höhe, im Seeglitzer eine anschweigende Wand von Grün, knorrige Wurzel- und Baumskulpturen, von Natur zur Bühne geschaffen, geleuchtet in farbenreichen Pinselstrichen der Bergblumen und Seerosen. Mein Auge, fast erblindet vom Strahl der Schönheit, die Ohren versucht, das Quaken in Liebesgesänge von Troubadouren zu übersetzen. Einfachste Piste hat es zum Schluss, sogar rennradtauglich, eine Seeumrundung ist schon rustikaler, statt Velo kann man gewiss auch einmal rumwandern.


Die Nordostseite des Passo del Cerreto ist eine ferne Flussroute die exemplarisch und extrem verdeutlicht, dass flussab zu fahren mehr bedeutet, bergauf zu radeln. Jeder klassische Flussradwegfahrer könnte sich hier eine Lektion in Sachen Klischeebruch erteilen lassen – allein wird man diese Radler dort nicht finden. Der recht große Ort Castelnovo ne‘ Monti ist sowas wie eine zweite Passhöhe, bevor man die Möglichkeit hat zu einer flussniederen Route abzusteigen. Auf meiner Tour war das ein kurzes Zwischental zur nächsten Passfahrt letztlich über den Passo della Pradarena, der dann in eine neue ganz eigene Landschaft der Garfagnana und den Apuanischen Alpen überführt. Bis zu diesem Pass nimmt man aber noch weitere sehenswerte Nationalparks-Highlights mit.



Die Pietra di Bismantova erhebt sich aus einem Plateau als eigenwilliger Tafelberg, ein Felssockel, der die Ausblicke aus der weiten Umgebung magisch anzieht. Man gelangt mit Radl bis an die steilsten Felskanten, wo eine Einsiedelei wie in den Fels gehauen den besinnlichen Ort zu bewachen scheint. Zwei Gastrolokale und Parkplatz locken an guten Ausflugstagen etliche Besucher an. Der Berg kann letztlich auch ganz erobert werden – dazu braucht es aber Fußarbeit auf Sohlenwerk.



Vom Bad in der Secchia erfrischt, steigt sogleich der nächste Berg an, öffnet noch mehr Blicke auf diesen markanten Felssockel Pietra Bismantova, ein Panoramadorf die Terrassenlage ganzjährig so behalten darf. Fortan verschlungen folgt das eigenwillige Bergdorf Ligonchio als weiteres Tor zum Nationalpark mit Besucherzentrum, gleichzeitig aber auch steil im Berg eingeflochten ein Wasserkraftwerk. Letzte Aussicht vorerst, denn der Pradarena-Pass weiß waldreich Schatten zu spendieren. Die Motorbiker, die zur Passhöhe im Restaurant Pause machen, spenden später noch Applaus, ob’s für die mutige Kurvenfahrt hinunter gedacht war oder die zuvor erbrachte Steigungsarbeit vermag ich nicht zu sagen.

