Blick auf Lago Calamone mit Monte Ventasso, mit Reisevelo
Apennin,  Emilia-Romagna,  Italien,  Toskana,  Touren

APN-2025-2
Appennino Tosco-Emiliano I (nord)
feat. Garfagnana, Monte Cimone & Monte Sole

Appennino Bolognese (Emilia) / Appennino Pratese (Toscana)

Zwar folgt eine gewisse Strecke ohne expliziten Naturpark im nunmehr erradelten Bolognese – ja, das ist mehr als nur Hackfleischsauce! –, was aber nicht heißen soll, dass es keine Wunder der Natur zu sehen gäbe. Die Auswahl fällt aber zunächst auf ein seltsames, menschliches Bauwerk, das genauer betrachtet einen Leuchtturm mit Uhr darstellt. Dieser Turm ziert einen Felssporn von Gaggio Montana, ohne dass Meer in der Nähe wäre.

Weniger kurios, aber ärgerlich war der Defekt meiner Stirnlampe – ein doch recht wichtiges Utensil auf meinen Touren. Weit weg von Outdoorläden und Shoppingmeilen, wie kann ich da Ersatz finden? Nicht ein Problem in Italien. Ein Tante-Emma-Laden mit hochpreisigen, schlichten Kaum-Lust-zu-kaufen-Lebensmitteln hält Batterien bereit, deren Tausch aber keinen Erfolg brachte. Die Lampe ist kaputt. Ich trauerte schon, die Frau verschwand hinter Gerümpel und kam mit einer Markenstirnlampe zurück. Unglaublich, wo es was alles gibt! Die nicht benötigten Batterien nahm sie natürlich auch zurück und fädelte noch das Stirnband ein, was Frau wohl besser kann als Mann. Pietracolora besucht man aber nicht zum Kauf von Stirnlampen, sondern wegen seiner grandiosen Aussicht, die man von einem kuriosen Turm neueren Datums genießt.

Jetzt aber doch noch ein Naturwunder, das so besonders ist, obwohl ja nur schnöde Physik oder Chemie. Eine Tuffsteinquelle hat in Labante ein besonders Kunstwerk geschaffen, der man ebenso tierische Züge wie Außerirdisches zuordnen könnte. Neben der Cascate di San Cristoforo di Labante bzw. meist eher Sorgente pietrificante di Labante befindet sich auch noch eine Höhle, die gleichwohl dem Kalkstein geschuldet ist. Erstaunlich, wie wenig Leute den Ort besuchten. Es gibt eben noch Dinge abseits von Influencer-Hypes zu entdecken.

Ein bisschen einen Sprung mache ich zum Parco Storico di Monte Sole, wenngleich noch steile Rampen und eine Panoramafahrt mit manchem Erosionsgestein dazwischen liegen. Auch die Polizei spürte mich neben einem Brunnen schlafend auf, nachdem sich offenbar ein paar besser gestellte Anwohner Gedanken über den Vagabunden gemacht hatten. Auch wieder seltsam, dass niemand zuvor mit mir Kontakt aufnahm. Es gibt auch in Italien mindestens zwei Arten von Menschen. Alles gut, sagte die Kontrolle dann. Offenbar bin ich doch kein gesuchter Terrorist, nur ein Tourist.

Monte Sole ist sowohl Naturpark wie auch geschichtlicher Erinnerungs- und Gedenkort mit einer aktiven Scuola di Pace di Monte Sole, die Seminare, Workshops und Forschungen für Frieden und interkulturelle Toleranz in internationaler Zusammenarbeit betreibt – vor allem mit Schulen. Anstoß zu der Friedensarbeit sind die Verbrechen der Nazis in Italien, von denen das in Marzabotto am Monte Sole als größtes Kriegsverbrechen der deutschen Besatzer auf italienischen Boden gilt – ausgerechnet in dem Land, dessen Duce und Faschismusregime lange Zeit die Geschicke Hitlers leiteten und ihm als Vorbild dienten. In einem Rachefeldzug für Partisanenaktivitäten vergangen sich SS-Einheiten in einem Massaker an über 770 Menschen in Dörfern um den Monte Sole, darunter Frauen und 213 Kinder und nahezu keine Männer im wehrfähigen Alter. Es beschämt auch hier in der heißen Mittagssonne, eine deutsche Geschichte mittragen zu müssen, deren Verbrecher noch heute ihre Anhänger findet.

Dem Monte Sole widmete ich meinen einzigen geplanten Pausentag, letztliche waren es ein halber Pausentag und ein halber „Werktag“, weil ich schwer mit der Pannenserie zu kämpfen hatte. An einer Schotterpiste mitten im Monte-Sole-Park und unweit der Friedensschule und der Gedenkanlage liegt der wunderbare Camping Naturista Ca‘ le Scope. Ohne die großherzige Hilfe des Personals hätte ich sicherlich Probleme gehabt, noch rechtzeitig an neue Reifen zu gelangen. Zum Schluss nach meinem Mechanikergroßeinsatz in der Hitze spendierte mir der Koch noch einen Teller Pasta und stopfte meine letzte Lücke auf dem Gepäckträger mit eiskaltem Wasservorrat voll. Es ist ein Ort, an den ich mit großer Wehmut zurückdenke und ein wahrlicher Bruderschlag im Sinne des Monte-Sole-Gedenkens und des Weges zu friedlicher, warmherziger Völkerverbindung.

Eher ungeplant – zumindest weiter als gedacht – wechselte ich den Hauptkamm und zur Toskana-Region wegen eines weiteren Malheurs mit dem Velo, einer zunehmend wackelnden Nabe. Nach behobenem Schaden durch den Meister aller Radmechaniker – so muss ich den Chef von JediBike in Vaiano beorden – hatte ich auf dem Weg zurück nach Castiglione dei Pepoli über den Lago Suviana mit dem Anstieg von Usella bei Vaiano nach Migliana eine weitere der härtesten Rampen der Tour zu meistern.

Dem war noch nicht genug, erwischte mich am Lago di Suviana eine Malaise mit Erbrechen und Durchfall, was nur mühsam abklang und ca. 10 Tage bis zur vollkommenen Regeneration dauerte. Nach anfänglich scheinbar schneller Besserung gabs es zwischenzeitlich nochmal einen Rückfall, sodass ich auch zweimal Tabletten in der Apotheke besorgen musste.

Zurück auf der Nordseite und im Bolognese, sollte bald der nördliche emilianische Teil zum Abschluss kommen. Dazu querte ich zunächst die Autobahnachse zwischen Bologna und Florenz und fand eine schöne Route durch das Valle di Savena, das als Mühlental bekannt ist und im nördlichen Teil nicht weit von Bologna in das Riserva Naturale Contrafforte Pliocenico mündet. Der Name verweist auf seine Genese aus einem Sandsteinstock, der sich im Pliozän aus den Sedimenten einer ehemaligen Meeresbucht in den Tälern südlich von Bologna erhoben hat.

Bereits im Reno- und Setta-Tal kann man die Landschaftsgestalt wahrnehmen, was auch den Monte-Sole-Park einschließt. Der eigene Naturpark aber ist entlang und zwischen dem Valle di Savena und Val di Zena eingefasst, wo wechselweise Schluchten, exponierte Sandsteinformation, Urwaldbiotope, Schlucklöcher, Flussgumpen und Feuchtwiesen eine sehr vielfältige Flora und Fauna gedeihen lassen, während im Gestein noch millionenalte Meeresfossilien lagern.

Seiten: 1 2 3 4 5

Cookie-Hinweis</br>Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Die Website verwendet Cookies von Drittanbietern, die dem Komfort der Seite dienen. Welche Cookies verwendet werden, erfährst du unter <a href=https://pedalgeist.de/privacy-policy/ target="_blank" rel="noopener noreferrer">Datenschutz</a> oder hier: Weitere Informationen


Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen.


Diese Seite verwendet folgende Cookies von eingebundenen Drittanbietern
(Cookie-Name | Provider | Typ | Ablauf nach):

- CONSENT | youtube.com | HTTP | 6656 days
- GPS | youtube.com | HTTP | 1 day
- PREF | youtube.com | HTTP | 8 month
- VISITOR_INFO1_LIVE | youtube.com | HTTP | 179 days
- YSC | youtube.com | HTTP | Session
- IDE | doubleclick.net | HTTP | 1 year
- test_cookie | doubleclick.net | HTTP | 1 day



Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen