Skulptur Bauernopfer von Hinrich Zürn
Kraichgau,  Touren

KSH-2017-1 Zwischen Sandmühlen und Bauernopfer – Stromberg-Kraichgau auf Eppinger Linien

  • 2 Tage | 5.-6. August 2017
  • 181 km | 91 km/d | 14,5 km/h
  • 2780 Hm | 1390 Hm/d | 1536 Hm/100 km

Das selten als touristisch erkannte Kraichgau mit den östlichen Randgebieten Stromberg und Heuchelberg gehört zu den entschleunigten Regionen, die auf zahlreichen Feld- und Weinbergwegen verkehrsferne Radtouren ermöglichen. Jenseits von Sternenfels, dessen Umgebung für einstige Sandmühlen bekannt ist, führte die Tour über Höhen zum UNESCO-Weltkulturerbe-Kloster Maulbronn und entlang der Eppinger Linien auf den Spuren kriegerischer Schandflecken.

Panoramablick über Weinberghügel im Zabergäu bei Sternenfels
Außergewöhnlich schönes Panorma: Stromberg-Weinberge bei Sternenfels

Sa, 5.8. Stuttgart – Leonberg – Höfingen – Hemmingen – Pulveringen – Unterriexingen – Sersheim – Gündelbach – Häfnerhaslach – Zaberfeld – Katzenbachsee – Sternenfels

71 km | 1115 Hm

So, 6.8. Sternenfels – Kraichsee – Gaisebene – Hohenklingen/Freudenstein – Maulbronn – Radpiste Eppinger Linien – Oberderdingen – Kürnbach – Ochsenburg – Michelstadt – Weiler – Robertshütte – Katzenbachsee – Zaberfeld – Häfnerhaslach – Gündelbach – Sersheim – Enzweihingen – Eberdingen – Heimsheim (via Waldpiste) – Gebersheim – Leonberg – Stuttgart

110 km | 1665 Hm

Steht die Anreise- und Abreiseroute via Stroh- und Heckengäu noch im Eindruck von sich wiederholenden Tagestouren, derer ich häufiger bis zu den Füßen der Strombergregion führe, um etwa in Horrheim einen Badesee mit Seerosen und Waldumgebung zu besuchen, so steigt das Urlaubsgefühl mit den Weinorten Gündelbach oder Häfnerhaslach schon merklich an, wenngleich auch Zaberfeld noch in meinem Tagestourfokus liegen kann.

Sommertrockenheit im Porsche-Strohgäu

Der Sommer hat heuer tiefe Spuren hinterlassen, klagen über die Trockenheit sind überall zu hören. Ich treffe einen Rentner, der oberhalb von Weissach noch in Schrebergärten aushilft und gerade ein Stück daherradelt. Zum gegenüberliegenden Hügel liegt das Porsche-Areal, das hier Arbeitgeberburg ist, ländlichen Pendler-Verkehr unter der Woche hochschnellen lässt. Die Parkhausgebäude sind fast größer als die eigentlichen Betriebsgebäude. Fluch und Segen liegen hier nahe beieinander.

„Hier ist die Welt noch in Ordnung“, meint der Rentner, daselbst einst Automechaniker gewesen. Er weist auf die ausgetrockneten Wiesen Richtung Strudelbachtal, wo sich in der Aue noch frisches Grün bis in den Spätsommer halten kann. „Aber sonst ist es schon schlimm mit der Trockenheit“, fährt er fort und greift das Sommerthema Trockenheit auf. Zweifel, ob diese Welt hier noch in Ordnung ist, zumal die Autogesellschaft, die hier wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, selbst ein Teil des Problems ist. Doch ist der Sommer hier zu schön, das Thema zu vertiefen.

Sternenfels – die Burg verschwand in den Sandmühlen

Wasserturm als Burgfried nachgebaut in Sternenfels
Wasserturm von Sternenfels als Burgfried nachgebaut

Die intensive Hügelfahrt erfährt beim kleine Aufstieg zum Katzenbachstausee immer so etwas wie eine Krönung, liegt hier ein doch schön eingebundener Badesee, die etwas weniger belagerte Alternative zum Stausee Ehmetsklinge. Lasse ich schon die Abendsonne auf die Haut sinken, bleiben die Alternativen für Abendessen und Zelt aufzustellen nur noch in einem kleinen Umkreis. Enzo’s Osteria „Romana“ in Sternenfels ist keine schlechte Wahl, zumal sich Enzo als redseliger Gastgeber präsentiert. Es gibt überbackene Nudeln mit Hackfleisch und Focaccia mit Sardellen, wobei die Größe der Portion kaum zwei Gerichte rechtfertigen kann.
Erfreulich bietet eine Hütte gleich nahe dem Schlossbergturm eine gute Gelegenheit, über den Rebhängen die laue Sommernacht zu verbringen. Der Turm ist eigentlich neuen Datums und ein Wasserturm, den man im historischen Burgfriedgewand an die Stelle erbaut hat, wo einst eine echte Burg stand. Diese aber drohte zu zerfallen, dem die Sandbauern zuvorkamen und das Material ohne Ehrfurcht für schlichte Putzmittel verwerteten. Mehr dazu auch in meinem Regional-Blog-Beitrag zu den Sandmühlen.

Kirche mit Burgturm im Hintergrund in Sternenfels
Täuschend echte Burgkulisse mit empfehlenswerter Osteria in Sternenfels

Sterbende Dörfer?

In Anschluss an Streuobstwiesen unterhalb von Sternenfels verstecken sich in Auenmulden und im Wald Anglerteiche, über denen noch der Morgennebel schwebt. Die Radroute hier ist auch mal schottrig, verkürzt aber den Weg ohne Verkehr hinüber nach Freudenstein. Nahe dem Ort sind zwar gleich zwei Campingplätze zu finden, doch fehlt es an jeglicher Gastronomie, mangelt es an sozialen Treffpunkten. Auch in Sternenfels haben in den letzten 20 Jahre mehrere Gastbetriebe geschlossen.

Wie immer ist die Idylle auch ein Trugbild, denn die Ruhe der Orte verkehrt sich auf Pendlerorte, deren Hanglagen mit protzigen Häusern bepflastert sind, die genau jene Konsistenz mit ihren Umgebung vermissen lassen. In Hohenklingen scheint es von weit weniger ernüchternd als wenn man die die Wohnstraßen sich hochhangelt. Da sind Verücktheiten von Garten und Haus schon inflationär. Aber die Bescheidenheit endet immer dort, wo das Geld zu viel geworden ist.

Seerosenteich mit lila Lippenblütlern, Trauerweide und Fachwerkhintergrund in Hohenklingen
Die Idylle in Hohenklingen hat auch Schattenseiten – Orte sterben zu reinen Pendlerschlafstätten fast ohne Wirtschafts- und Sozialleben

Für den Sonntagsbäcker muss ich schon noch ein heftiger Berg mehr überfahren, wo Maulbronn als bekannter Klosterort wartet. Der Klosteranlagenbeuche nicht meine erste, ist am frühen Morgen noch gut zu schauen und flanieren. Das Gedicht der Anlage, auch in den Schriften von Hermann Hesse verewigt, darf noch wirken, bevor der Menschenauflauf der Sonntagsausflügler starten mag.

Der Krieg als Spiel der Mächte – die Opfer werden nicht gefragt

Für die Route retour versteckt sich westlich der Straßenroute nach Sternenfels und hangelt sich entlang der Eppinger Linien. Diese sind eigentlich ein Zeichen des Grauens, denn die Wehranlagen mit Wachtürmen, den sogenannten Chartaques, sind Sinnbild, wie das Landvolk und die Bauern zwischen Herrschaftsbereichen zerrieben wurden. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg suchte der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. die Pfalz einzuverleiben und weitete die Raubzüge weit nach Osten aus.

Nachbau einer Palisade der Eppinger Linien
Palisadenskulptur auf den Eppinger Linien, Symbol für den machtpolitische Spielball der Mächtigen auf Kosten der Landbevölkerung – nicht ganz ohne Bezug zum Heute

Die Badener suchten sich mit den Eppinger Linien ein Schutzwall zu errichten, der bis Schwäbisch Gmünd reicht. Sie verdonnerten die Bauern aber zur Fronarbeit. Die Franzosen wiederum drohten ganze Dörfer niederzubrennen, sofern sich Schanzer der badischen Fronarbeit opferten. So war die Landbevölkerung doppelt vom Tode bedroht und musste zudem noch Hunger leiden, weil sie ihrer eigentlichen Feldarbeit nicht mehr ausreichend folgen konnten. Das Symbol des „Bauernopfers“ ist somit als Schachbrettstellung, einer Skulptur von Hinrich Zürn, auf der Route zwischen Kürnbach und Ochsenburg zu betrachten. Doch wer sagt, dass es nicht heute auch noch immer wieder Bauernopfer gibt?

Dann gibt es doch diese Zeichen der Freundschaft, so wie die zwischen Kürnbach und dem österreischischen Ziersdorf. Ein eigener Platz würdigt die Partnerschaft beider Orte mit eine hisotorischen Weinpresse aus der Mitte des 19. Jahrunderts. So wie der Wein die Gemüter zu einen weiß, so sehr lieblich warten See und Blumenwiese als ein Leuchten für Augen und alle Sinne in Zaberfeld. Die Tour endet so hier in Bildern und dem Urlaubsmodus, wenngleich mich noch ein sportlicher Abendritt ins ferne Stuttgart erwartet.

Logo Schreibfeder, Pedal mitAugen, Rad, weißer Hintergrund

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