Alpen,  Touren

ALP-2005-1 Große Alpentour der prominenten 2000er

37 Tage ░ 18. Juni – 24. Juli 2005

  • 3493 km
  • 56781 Hm
  • 94 km/d
  • 1577 Hm/d
  • 14,3 km/h
  • 1671 Hm/100 km

Die Idee meiner Tour war es, eine große Zahl von bedeutenden, höchsten und schönsten Alpenpässen in möglichst vielen und unterschiedlichen Alpenregionen zu einer Rundfahrt zu verbinden. Es sollten möglichst wenig Überschneidungen mit bereits gefahrenen Pässen oder Routen geben (deswegen ohne Großglockner-Hochalpenstraße) und keine Pässe mit extremer Steigung (z. B. Gavia-Pass 16 %) oder Schotterpisten (z. B. Col de la Finestre) dabei sein. Ausgangs- und Endpunkt sollten bequem und preiswert mit dem Zug erreichbar, der Endpunkt außerdem flexibel wählbar sein. Leider erwies sich dabei die Schweiz als sperriges Hindernis und einmal mehr habe ich über den grenzüberschreitenden Bahnverkehr zu klagen, der nicht dem zeitgemäßen Mobilitätsbedürfnis entspricht.

Murmeltierbrunnen in Zermatt
Murmeltierbrunnen in Zermatt
(1)Stuttgart || 5:32-8:57 || Lindau (400 m) – Dornbirn – Götzis – Rankweil – Bludenz – Schruns – Gaschurn – Bieler Höhe (2036 m)116 km1847 Hm
(2) Bielerhöhe – Ischgl – Landeck – Oetz-Bahnhof (750 m) – Huben – Sölden (1362 m)119 km725 Hm
(3)Sölden – Timmelsjoch (2509 m) – San Leonardo – Merano (325 m) – Lana – Burgstall – Nals – Kaltern (426 m) – Kalterer See/St. Josef123 km1410 Hm
(4)2 x Seerundfahrt Kalterer See/St. Josef – Tramin – St. Josef (Ruhetag)26 km103 Hm
(5)Kalterer See/St. Josef – Ora (236 m) – Cavalese – Bellamonte – Passo Valles (2033 m) – Cencenighe (773 m) – Alleghe – Pieve di Livinallongo (1475 m)110 km2465 Hm
(6)Pieve di Livinallongo – Passo Pordoi (2239 m) – R. Monti Pallidi (1850 m) – P. Sella (2214 m) – Miramonti (1900 m) – P. Gardena (2121 m) – La Villa Stern (1387 m) – P. Valparola (2197 m) – P. Falzarego (2105 m) – Cortina d’Ampezzo – Pieve di Cadore115 km2219 Hm
(7)Pieve di Cadore (750 m) – Auronzo – Lago Misurina/Col San Angelo (1756 m) – Toblach – Lienz116 km1032 Hm
(8)Lienz (673 m) – Huben – St. Jakob – Staller Sattel (2052 m) – Rasen/Antholz – Bruneck – Mühlbach – Aicha128 km1414 Hm
(9)Aicha (770 m) – Sterzing – Jaufenpass (2094 m) – San Leonardo – Merano (325 m) – Naturns (529 m)101 km1562 Hm
(10)Naturns – Latsch – (Exkurs unteres Martelltal) – Prad (Halbruhetag)44 km491 Hm
(11)Prad (913 m) – Stilfser Joch (2757 m) – Bormio – Tirano (450 m) – Li Curt/Poschiavo (1001 m)105 km2395 Hm
(12)Poschiavo – Berninapass (2328 m) – Pontresina – Zuoz54 km1335 Hm
(13)Zuoz (1716 m) – Albulapass (2321 m) – Bergün – Tiefencastel (851 m) – Savognin – Julierpass (2284 m) – Silvaplana – Maloja 103 km2080 Hm
(14)Maloja – Malojapass (1815 m) – Chiavenna (333 m) – Campodolcino – Splügenpass (2113 m) – Splügen – Thusis107 km1813 Hm
(15)Thusis – Bonaduz (655 m) – Versam – Ilanz – Disentis – Oberalppass (2040 m) – Andermatt (1447 m) – Hospental104 km1757 Hm
(16)Hospental (1452 m) – Furkapass (2431 m) – Gletsch (1757 m) – Grimselpass (2165 m) – Innertkirchen (625 m) – Steingletscher (1865m)84 km2865 Hm
(17)Steingletscher – Sustenpass (2224 m) – Wassen (916 m) – Hospental – St.-Gotthard-Pass (2109 m) – Airolo (1175 m) – All Aqua (1614 m) – Ronco77 km2000 Hm
(18)Ronco – Nufenenpass (2478 m) – Ulrichen – Brig – Visp (651 m) – Zermatt (1616 m)115 km1929 Hm
(19)Zermatt (Ruhetag, Wanderung)
(20)Zermatt – Visp – Sierre – Sion – Martigny (465 m) – Sembrancher – Bourg St. Pierre (1632 m)147 km1248 Hm
(21)Bourg St. Pierre – Col du Grd. St. Bernard (2469 m) – Aosta (583 m) – Cogne – Lillaz (1617 m)82 km1905 Hm
(22)Lillaz – Cogne (1534 m) – Valnontey (1666 m) – Valmiana – Cogne – Lillaz (Ruhetag)18 km222 Hm
(23)Lillaz – Aymavilles (670 m) – Pré-St.-Didier – Col du Pt. St. Bernard (2188 m) – Bourg St. Maurice – Moûtiers – Albertville162 km1599 Hm
(24)Albertville (350 m) – Venthon – Beaufort – Col de Méraillet (1605 m) – Cormet de Roselend (1967 m) – Bourg St. Maurice (840 m) – Tignes-les-Brevières (1568 m)84 km2451 Hm
(25)Tignes-les-Brevières – Val d’Isere – Col de l’Iseran (2764 m) – Bessans – Lanslebourg – Modane – Orelle – St. Michel-de-Maurienne113 km1407 Hm
(26)St. Michel-de-Maurienne (712 m) – Col du Télégraphe (1566 m) – Valoire (1430 m) – Col du Galibier (2654 m) – Col du Lautaret (2058 m) – Briancon/St. Blaise82 km2095 Hm
(27)St. Blaise/Briancon (1190 m) – Col d’Izoard (2360 m) – Guillestre (1000 m) – Col de Vars (2109 m) – (1286 m) – Larche (1697 m)105 km2695 Hm
(28)Larche – Col de Larche (1948 m?/1991 m?) – Vinadio (895 m) – Col de la Lombarde (2350 m) – Isola 2000 – Isola (870 m) – St. Etienne-de Tinée (1144 m)96 km2121 Hm
(29)St. Etienne-de-Tinée – Col de la Bonette Restefond/Cime de la Bonette (2802 m) – Jausiers – Barcelonnette (1136 m) – Col d’Allos (2247 m) – Allos – Colmars103 km2789 Hm
(30)Colmars (1269 m) – Col de Champs (2045 m?/2087 m?) – Guillaumes (798 m) – Col de Valberg (1673 m) – Beuil – Gorges du Cians – Puget-Théniers96 km1793 Hm
(31)Puget-Théniers (Ruhetag)13 km101 Hm
(32)Puget-Théniers (418 m) – P. d. Gueydan – Gorges de Daluis – Guillaumes – Col de la Cayolle (2326 m) – Gorges du Bachelard – les Thuiles – le Lauzet-Ubaye115 km2008 Hm
(33)le Lauzet-Ubaye (906 m) – (1112 m) – Tallard – Plan-de-Vitrolles (580 m) – Barcillonnette – Col d’Espréaux (1142 m?/1160 m?) – Veynes – Aspres-s-Buech (755 m) – Col de Cabre (1180 m)104 km1235 Hm
(34)Col de Cabre – Luc – Die (400 m) – Col de Rousset (1254 m) – D103/D518 – Grands/Petits Goulets – Pont-en-Royans (230 m) – Gorges de la Bourne – Villard-de-Lans (990 m)127 km1663 Hm
(35)Villard-de-Lans – Sassenage – Voreppe (200 m) – Col de la Placette (587 m) – St. Laurent-du-Pont (385 m) – Col de Couze (626 m) – Chambery – Grésy-s-Aix – Aix-les-Bains120 km695 Hm
(36)Aix-les-Bains (240 m) – Cusy – Charniaz – Col de Leschaux (897 m) – Annecy (445 m) – Col d’Evires (810 m) – Bonne – Annemasse- Genève113 km1089 Hm
(37)Genève – Nyon – Lausanne || 15:30-22:00 || Stuttgart66 km223 Hm

Flott-verrückt: Die Dolomiten sind schon vorbei

Eiscafé mit Bruno in Sterzing
Noch ein Verrückter: Mit Bruno aus Goldach am Bodensee beim Eiskaffee in Sterzing

Vorläufig hier nur ein kurzer Bilderabriss der Tour. Alle Bilder habe ich noch mit Analogkamera gemacht, wobei ich auch noch die gesetzte Spiegelreflexkamera auf der Reise an der einer Brücke in Val d’Isère vergesslich liegen ließ. Immerhin beorgte ich mir umgehend eine kleine Kompaktkamera als Ersatz, um wenigstens mein erste wirkliche Begegnung mit der Tour de France auch im Bild festzuhalten. Die Qualität der Scans und Bearbeitungen ist allerdings ziemlich bescheiden. Entsprechend fehlen auch manche Marksteine im Bild. Kein Grund aber, um nicht einige Erlebnisse fotografisch aufleben zu lassen.

Mehr als einen Tag währte sogar die Bekannschaft mit Bruno, dem Schweizer, der über die riesigen Portionen in Südtirol ebenso staunte wie über moderne, geräumige Zimmer, alles nicht mit Schweizer Preisen zu bekommen. Er hatte mit 7-Kilo-Rad stets auf mich gewartet, um immer wieder phasenweise gemeinsam das entdeckunsgwerte Defereggental auf der Ostseite des Staller Sattels zu genießen. Wir blieben sogar dann über eine Nacht in Aicha bis zum Morgen in Sterzing zusammen, wo sich die Wege trennen mussten, da Bruno seiner kranken Frau wieder zur Seite stehen musste. Ich sollte nicht ahnen, dass die für länger gedachte Freundschaft über einen schweren Schicksalsschlag von Bruno stolpern sollte.

So beginnt der Bilderbogen erst oder leider bereits nach einem Schwerpunkt der Tour – den Dolomiten. In der östlichsten Ausdehnung der pedalierte ich auf großer Sellarunde über fünf Pässe neben Oldtimern und Harley-Rallye mit Hamburger Radlern, um die Felswände vor den gleichwohl begehrten Terrassenplätzen zu bestaunen. Dem muffeligen Zimmer und der stickigen Osteria mit leckeren Gerichten in der Tizian-Stadt Pieve de Cadore folgten dem Optiker-Tal im oberen Cadore gewittergeschwängert bis wolkenverhangen die Drei Zinnen am Lago Misurina. Mit etwas Glück konnte ich den Himmelszuckungen ausweichen, die mich zum Blitzableiter verkohlen wollten. Das Montafon und die Ötztaler Alpen hatte ich zuvor schon rasant durchfahren, um ein erstes Ausruhen am Kalterer See zu genießen. Kontraste pur.

Stilfserjoch-SÜd mit Lärchenwald und Gletscherkulisse
Farbkontraste zwischen Sommer- und Eiszeit: Trafoital am Stilfserjoch

Das Engadin – die Rumantsche Kulturwiege der Schweiz

Die Wege in Sterzing getrennt, musste ich am Nufenen die nächsten Motorbiker-Horden erleiden – nur diesmal moderne Maschinen und ein wenig asozialer noch, weil viel dem Tempo verpflichtet, was weder die Alpenberge noch ihre Bewohner gerne vertragen. Über das Vinschgau – sommerlich vertrödelt – nehme ich die Meisterklasse der Ostalpenpässe unter den Pneu. Das Stilfserjoch war von Radaficionados wie belagert – ein großes Glück will geteilt sein. Summer hot war es gar auf über 2500 m – in Bormio schmolz der Asphalt dahin. Noch am Meistertag erreiche ich das Veltlin mit dem verwunschenen Poschiavo, dass sich mit einem etwas rätselhaften Avantgarde-Festival um die mysteröse Musik von Sun Ra einen Namen machte.

So still das Engadin daher kommt, so vielfältig waren aber auch hier die Begegnungen – nicht ganz ohne Unterbrüche. Ein hartes Gewitter zwang zum Abbruch einer Etappe, um letztlich mal in den dicken Mauern eines echten Rumantschen Hauses zu nächtigen. Nicht für Geld wollte ich hingegen Red Bull nochmal in meine Kehle kippen – dieses Gesöff, das mich eher an Schweröl als an ein Wellnessdrink erinnert. Die hübschen Hasilein-Models in einem Red-Bull-Werbewagen reichten mir die Dose bereits auf der Auffahrt zum Bernina-Pass, auskotzen musste ich das Zeug am nächsten Tag in Bergün – ich gereue Schande über mich, die Kanalisation dort belastet zu haben.

Noch ein Gewitter machte mir etwas Angst auf dem Camping im Maloja, hatte ich dabei noch gut in einem Maronenrestaurant zuvor gespeist. In einem Wohnwagen wartete dann zum kühlen Morgen ein weiteres Original, das ich auf der Reise kennenlernte. Seit Jahrzehnten weilte der Weißbärtige spartanisch hier am See und musste mir von ihm sagen lassen, wie bekloppt ich wäre, für wenige Kilometer von St. Moritz nach Maloja den Umweg über zwei 2000er-Pässe freiwillig gewählt zu haben. Es wurden gegenseitige Bekenntnisse von Verrückten. Entsetzt war er über meine Murmeltier-(Un-)Kenntnisse: „Die pfeifen nicht, die bellen“, meinte er entschieden und belehrend. Ich fühlte mich in meiner zivilisationsgeschädigten Pedalrasanz etwas schuldig neben diesem Urgestein von Geduld, der mir den warmen Kaffee spendierte.

Grenzgang zwischen Ost- und Westalpen

Hier wachsen die Gedanken über Heimat. Nicht das ich genetisch aus den schmalen und schluchtigen Tälern der Zentralalpen stamme – oder doch vielleicht? – nein, es ist der Gedanke an Herkunft, an Lebensadern wie des Rheins, des Vater Rheins. Es ist der Gedanke von Kreisläufen aus Wasser, dass aus Quellen in hohen Bergen hinab in die Ebenen fließt, an denen sich die Menschen zu großen Gemeinschaften sammeln. Und dann wieder das Verdunsten von Wassertröpfchen, die zum Himmel steigen und vom Winde an die Gebirgskämme getragen, dort erneut abregnen und Quellen speisen, aus denen ein Fluss, ein Strom entsteht – ein europäischer, ein romantischer. Es ist der Gedanke des Kreislaufs wie es das Pedal sagt, wie Pedalgeist eben selbst.

Solche Philosophie wird zuweilen jäh unterbrochen wie etwa „Du Benedikt, du Papst!“ So drang samt Fingerkuppe ein mir zunächst schwer verständlicher Holländer in meine Brust ein, als ich auf dem kalt windigen Splügen-Pass mir sogar eine langen Hose überstreifen musste. Ich schien dem Holländer begriffstutzig bis zu wenig euphorisch darüber, dass nun ein Deutscher Papst sei. Das sagte mir jedoch zunächst wenig, weil „wir sind Papst“ bei mir irgendwie nicht ankam. Eher eine belanglose Notiz im Weltgeschehen, eine Fehlinterpretation eines Hypes mit geschaukelter Nicht-Christlichkeit. Der Holänder war wie von Sinnen über meinen fehlenden Patriotismus. Ich sehnte mich nach einem wärmeren Flecken als hier oben, auch wenn dem Heiland angeblich nahe.

Rund ums Gotthard-Massiv

Nein, das war doch ein wenig abgedreht und muss nicht sein. Im Schlafsaal der eher rustikalen Hospentaler Jugendherberge wurde ich im Schlaf mit Decken beschmissen. Der Grund schien gewesen zu sein, dass ich schnarche. Genaues konnte ich nicht aufklären, denn ich bin mal wieder einer der Ersten, die in den frühen Morgen entfliehen. Da wartete dann mal wieder tolles Sommerbergwetter für Furka, Rhone-Gletscher, Grimsel und Susten – den hätte ich fast auch noch erreicht. Glücklich war ich doch, nicht in der der österreichischen Radlergruppe mit Sparkassensponsor mitfahren zu müssen – jede Pause wird bestimmt vom Oberkommando des Gruppenleiters. Fröhliche Leut‘ waren es aber doch allesamt. Noch glücklicher die Übernachtung direkt am Steingletscher (auch: Steigletscher): Traumblick in der sonst recht veralteten, einfachen Herbergen – großartige Location!

Wasserfall am Steingletscher, Sustenpass
Wenn das Wasser vom Himmel fällt: Überirdische Natur am Sustenpass

Für den Tag brauchte ich ja noch Kräfte, auch wenn ich ein Schweizer Radlerpaar bei Ihrer ersten großen Passquerung am sich düster eintrübenden Sankt Gotthard aufnbauen musste. Besonders dann, als wir nochmal in einer Sebstbedienungs-Passgaststätte zusammensaßen, nachdem es draußen begann heftig zu schütten. Denn das Passerleben gewinnt erst auf der Abfahrt die Freude, wenn das Adrenalin aus dem Körper schießt, nachdem man sich hinauf gequält hat. So traurig das Paar ich nur mit dem Gefühl der Quälerei zurückließ, wollten sie auch der Sicherheit wegen nur noch mit dem Bus hinunter.

Alte Postkutsche am St. Gotthard
Mehr als nur ein Twitter-Account: Als die Post noch PS-Stärke hatte – historische Kutsche am Gotthard-Pass

So hart oder dumm wie ich war, durfte ich zur Südflanke ein paar Becher Wasser aus meinen Schuhen entleeren, bevor ich noch den ersten Teil des Aufstiegs zum Nufenen anging. So kalt hielt es der Tage eher an, noch mehr aber keimte der Wind auf, welcher das Goms und schon legendär bis traditionell das obere Rhonetal zu beherrschen weiß. Ich schrieb zur Postkarte in die Heimat: „Die gefährlichste Abfahrt meines Lebens“ über die Nufenen-Kehren ins Goms, änderte sich der Winkel ja nach jeder Spitzkehre wieder erneut.

Höchste Gefühle – Vom Matterhorn zur Tour de France

Also ja, das Matterhorn versteckt sich gut – und doch ist es nicht nur von Japanern gut entdeckt. Speisekarten sind ebenso japanisch gedruckt wie Ansagen in der Gornergratbahn. Hatte ich gar versäumt, ein ordentliches Abendsonnenlichtbild zu machen, als ich auf Sicht zum Matterhorn nach Zermatt einbog. Eine längere Strecke ist autofrei, nur mit der Bahn der Zugang erlaubt – und für Sonderberechtigte. Zu den Sonderberechtigen gehören aber auch Sportwagen und ähnliches Gaspedalspielzeug – so ganz geheuer sind mir die Lizenznehmer nicht. Erstaunlich konsquent dann aber doch die innerörtliche Versorgung mit E-Autos oder gar Handkarrren.

Die Abendfotos fehlten mir allein deswegen, weil der Wandertag mit Fahrt der Gornergratbahn hinauf (zu Fuß ab – harte Nummer für Pedalbeine!) in Nebelsuppe getaucht war. Es war der Auftakt einer Serie unglücklicher Momente, die ich in einer schon persönlich gewordenen Schlacht mit dem Monte Rosa führe. Ein Berg, der die Wolken liebt – zumindest dann, wenn ich in seine Nähe gelange. Nahe liegt, dass er ein Geheimnis in sich birgt, welches er mir (noch) nicht verraten möchte.

Die verpflichtende Halbpension in Jugendherberge mag kostensparend sein, geschmacklich lohnt es, ein paar Taler extra im Ort auszugeben. Dem miesen Tag hätte ich einen besseren danach erwartet oder zumindest gewünscht. Zur deutsch-französichen Sprachgrenze – unauffällig ein Hain inmitten des Rhonetals und des Kantons Wallis, hatten sich nicht nur erneut düstere Wolken ins Tal gessetzt, sondern auch der Wind vom Vorvortag hatte sich verschärft. Es war nicht mehr Wind, es herrschte Sturm. Dass dann noch ein Rennradler an mir mit Hochgeschwindigkeit an mir vorbeischoss, während ich nahe auf Standpedal geschaltet war, kann auch einer Fata Morgana geschuldet sein. Es kann eigentlich nicht sein. Aber ich habe da so ein Bild in mir – Radler mit Antiwindgenen – ob es die gibt?

Als Radler gelangt man ja selten in ein Motel und wohl eher ungewollt. Doch in Bourg St. Pierre fand ich meine Premiere und war gleich begeistert. Ich darf mit Rad direkt ins Zimmer reinfahren. So wie auch später mal wieder der Herzgowina. Restaurant im Hauptgebäude des Gasthofs. Alles schön gerichtet für die mühevolle Qual den Großen Sankt Bernhard hinauf. Gewiss, alles im Zeichen der Bernardiner, wenn es um Souvenirs geht. Weniger auffällig, aber eindrücklich hingegen Napoleons Zug über die Alpen auf Tafeln zur Seite dokumentiert. Ich denke, so sehr ich mich mit Radpedal hier quäle, tauschen möchte ich mit keinem seiner Soldaten. Die Zeiten waren anders, das Geläuf stolpernde Trails, auf denen Kanonen über Stock und Stein mit Manneskraft gehievt werden mussten. Welche Anstrengung man auf sich nahm, um dann dem Tod in der Schlacht ins Auge zu schauen. – Ist’s heute anders?

Das Aoste-Tal und und besonders das Nebental nach Cogne und Lillaz brachte enspannt liebliche Alpensichten vom nördlichen Rand des Gran Paradiso, wenn auch wieder unterkühlt. Wandervolk hat es hier viel, die Zugänge einfach. Wasserfall für eine Fotoshooting-Kulisse. Genüsse reichlich – Wein aus Aymavilles, Polenta regionaltypisch mit Käse, gebackene Forelle frisch aus den Gebirgsbächen, delikate Schokocrème mit Tegolas – chipsförmige Kekse mit feinem Aroma und nicht die einzige Gepäckspezialität hier. Mécoulén bezichnet ein rundes Rosinenbrot mit dünner Glasur, im Geschmack dem Pannetone. Gaumenkitzel auch direkt von einer Käsealm: würzig-herbe Käsesorten und Pannacotta mit Minzlikör.

So gestärkt hätte ich den „kleinen“ Sankt Bernhard locker bewältigen müssen, doch kompromittierte mich schon fast ein Wanderer, der einfach quer zu den Serpentinen die Bergweise geradewegs hinauflief und immer ein Stück weiter vor mir die Straße querte. Ich ließ das Pedal aber nicht hängen.

Quasi eine Extraschleife um eine Berggruppe herum, strebe ich nach Albertville mit der Altstadt Conflans, wo zahlreiche dekorative wie einzigartige Zunftschildern aus Guss oder Glas die Gassen schmücken. Zum Cormet de Roselend wird die Fahrt immer mehr zu einer Parade an den Fans der Tour de France vorbei. Zahlreiche Radlerinnen und Radler – von Deutschen bis zum Antibergfahrer Yoko aus Finnland – säumen auch den Asphalt, einige fahren die Tour organisiert voraus. Mit Beaufortkäse im Gepäck macht sich dann der Cormet Roselend mit den bereits viel markierten Tourhelden auf der Straße dann eine Spur leichter, in zwei Stufen eher gebaut, mit dem vorgelagerten Lac de Roselend als Zwischenebene.

Wild verteilt scheinen die Steine am Pass, schon fast eine Mondlandscaft, soweit das Grün ohne Sonne nicht zum Leuchten kommt. Erneut drohte Ungemach. Ein Gewitterfront nähert sich in Bourg-St-Maurice, wo ich gerade versuche, ein paar überschüssige Klopapierrollen zu verschenken. Solche Geschenke sind schwer zu machen – selbst ein Badener Reieradlerkollege möchte nicht zugreifen.

Stattdessen kommen wir ins Gespräch und Joe ist ein Abgehängter von insgesamt drei Informatikern aus Karlsruhe. Seine Radkollegen haben die besseren Wadeln und Joe muss immer per SMS schauen, wie er ihnen hinterherhechelt. Die beiden Partner haben schon Unterkunft in Tignes-les-Brevières bezogen, nur stehen da noch 700 Hm und eine ungemütliche Gewitterfornt für Joe dazwischen. Wir schaffen dann den Anstieg gemeinsam, teils mit Regenklamotten, dann aber auch Entspannung.

Das Sozialverhalten der EDVler setzt dann die Krönung auf, nachdem ich das selbe Quartier bezogen habe. Zu dritt wollen sie in einem Zimmer Tütennudeln kocht, Ausgang zur Gastätte gegenüber nicht erwünscht. Im dort unscheinbar „Pizzeria“ titulierten Restaurant erhalte ich dann den immer noch nach Jahren im Gaumen wirkenden Speichelschmelz: Salat mit warmen Schafskäse, mit Honig gebratene Entenbrust an Orangensauce, begleitet von Gratin Dauphinois sowie ein kleiner Nachtisch. Es soll bis heuer das beste je gegessene Gratin Dauphinois bleiben. Die Entenbrust kaum geringer zu bewerten. Die bezahlten 40 Euro gab ich gerne, doch die EDVler mokierten sich ob der Verschwendung. Da mag ich nur sagen:

Verwöhnst du den Gaumen,
hebt sich die Laune.
Sparst du an Mahlzeit und Trank,
wird die Seele mürbe und krank!

Es ist kein Zufall, dass hier die Bilderlücke noch größer ist. Ereignete sich mir doch ein persönliches Drama, indem ich – noch mit der Joe und dem Karlsruher Trio zusammenradelnd bei einer Kurzpause meine Kamera liegen ließ. Erst so bemerkt, als ich den Iseran-Pass erklommen hatte. Zu Tal nach Vald’Isère (fast 1000 Hm) wollte ich nicht mehr – wer weiß, ob sie noch da liegen würde. Es war das langsam eingeleite Ende der Analogkamera, noch aber schaltete ich eine neue Ersatzkamera ein, die ich in Modane erwerben konnte. Schließlich wartete die Tor de France am Galibier.

Gut geplant, ist die Radfahrt und Begehung der Strecke noch bis 12 Uhr möglich (Autos sind komplett ausgeschlossen), danach sperren die Franzosen allerdings recht rigide die Strecke für Hobbyradler & Co. Vorteil der Methode: Es kommen viel mehr Fans an die Strecke als z. B. in Deutschland, wo Strecken oft Tage zuvor komplett abgesperrt werden. Wieviel Menschen am Berg zuschauen, bleibt unbelegt, manche sprechen von 1 Million Menschen, andere von 400.000, andere glauben, dass kaum mehr als in einem größeren Fußballstadion sind – immer noch genug für Pedalgeist-Begeisterung.

Empfehlen kann ich indes den Besuch der Tour nicht so recht. Die Auffahrt war sicherlich geil – soviel Zuspruch und überholte Radler gab es noch nie. Manche habe das Radeln wohl erst am Vortag gelernt. Die Baskengruppe rastet ob meiner Baskenflagge am Rad aus und spendierte eine Art Pastis-Schnaps, der mich fast umgeworfen hätte. Ich konnte mich aber berappeln und schaffte es bis zur Deadline zur Passhöhe. Dort großes Gedränge bis auf die Geröllhänge hinauf – nicht immer ungefährlich. Platz gibts am Galibier nicht, dafür gute Sicht auf die Anfahrtsserpentinen.

Die Warterei bis zum Fahrertross der aktiven Profis dauert aber Stunden – hier vier an der Zahl. Das heißt dann Stunden in Kälte und bei Dieselabgasen. Denn Funktionäre wie Werbekarawane möchten sich zeigen. Michel Virenque, Altheld der Berge und auch gedopt gewesen, wird umlagert von Frauen und bekommt Küsschen, dass es quietscht. Geschenke von der Werbekarwane gibt es wenig – Papphände und Klimbim, mal ein Wasserfläschchen. Die nützlichen Sachen wie Mützen und Trikots werden nicht mehr verschenkt, sondern nur noch verkauft. Ich habe ein ganzes Sixpack Wasser für meine Gruppe mit Kindern von Heck geklaut. Das brachte etwas Spaß in die Warterei.

Dann noch die Fahrer. Alexander Winokurow machte das Tagesrennen. Der Vorsprung war am Berg noch groß, später im Ziel in Briançon soll er einiges eingebüßt haben, blieb aber noch Sieger. Obwohl keine dichten Massen vor mir, blieben mir einige Fahrer verborgen. Den Dänen Michael Rasmussen im Bergtrikot konnte ich ins Bild packen, Lance Armstrong verpasste ich ebenso wie Jan Ullrich. In Summe ürbgens alles Fahrer, die später des Dopings überführt wurden. Aoptheke pur also.

Farben und Formen in den Westalpen

Trotz Tour-Tross finde ich in der Unterstadt zu Briançon einen Tischplatz, vielleicht auch wegen des Regens. Doch der Morgen mit Folgetag lässt nun gleich mehrere Traumpässe leuchten:

  • Izoard – der Steinige, bizarr wie eine Mondlandschaft, aber auch lieblich Lärchenhaine zur Nordseite
  • Vars – der sanft-geschmeidig Grüne, wie von Gärtnerhand modelliert
  • Larche – noch grüner und geschmeidiger und grüner als Vars, ungzeähmt zur Auffahrt im Westen, und mit pittoresken italienischen Orten und grandiosem Felsen zur Ostseite
  • Lombarde – der blumengemschückte, rosa die Lilien unten, blau der Enzian oben, eng gewunden die Kehren, oben zur anderen Seite von einer Wallfahrtskirche thronisiert, leicht geschändet zur französischen Seite mit dem Wintersportort Isola 2000

Soweit erreicht das Tinée-Tal als Basis zum Col de la Bonette-Restefond, Doppelpass und mit seiner extra gebauten Einbahnschleife in der Mondlandschaft mit 2802 m höchste durchgehend befahrbare Alpenstraße oder auch in Europa. So recht ein Augenschmaus wird der Bonette aber nicht, auch wenn im Kächer der Pässeradler unvermeidbar pflichtgekürt wird.

Landschaftliche Traumrouten ergeben sich andere nahebei. Der Col d’Allos mit ausgeweitetem Talkessel, nur als Pass gefahren noch gemäßigt – die Festungsstadt Colmars aber auch ein Ziel für Pedalisten (Museum) und in Ergänzung zum Lac d’Allos zu einem Höhepunkt der Westalpen steigerungsfähig. Ein Nischenpass, weil quer Nord-Süd und mit schlechtem Belag, der Col de Champs, doch mit spannenden Erdfalten, grün vernietet. Der Col de la Cayolle schließlich als vielseitiger Pass mit von Wasseradern benetztem Schiefergestein und reichen Alpenblumenwiesen zur Südflanke, mit der bizarr-kantigen Bachelard-Schlucht im Norden, schon mehr an Teile der Rheinschlucht erinnernd.

Nicht immer den Pässen zugeordnet, obwohl auch in der Flucht dieser gelegen, sind die Schluchten Daluis und Cians – beide in Teilen ausgeprägt mit rotem Stein, sonderbar wie faszinierend, Cians aus der Froschperspektive, Daluis eher in der Vogelperspektive. Wäre es Schauspiel, gäbe es mehrere Vorhänge.

Soviel Glanz und Gloria in Fels und Flora ist kaum zu steigern, aber doch zu ergänzen. Die östlichen Alpenausläufer des Vercors bilden eigene Welten mit Tafelbergen und vielen Ausschürfungen und Tunnels, die aus dem Fels geschnitten sind, der Stein manchmal dicht über dem Kopf, die eindrücklichsten Grand Goulets – mittlerweile so ungezähmt von Felsbruch bedroht, dass sie gesperrt sind. Das Vercors wird zudem eindrücklich im Süden von Lavendelfeldern her aufgebaut, am Col de Rousset mit bildlich ins Auge stechenden Serpentinen, die zudem noch recht sanft ansteigen.

Es mag hier nicht nicht alles genannt sein, was noch auf der Wegstrecke zu gefallen weiß. Voreppe prägte sich mit einem guten Markt ein. Chambèry ist die gepflegte wie charmante Studenten – und Einkaufsstadt und ruhige Alternative zu Grenoble. Per Fahrradstraße lässt es sich flott pedalieren zum Lac Bourget. Als Nischenpass, wenn auch Umweg, mit Teufelsbrücke und Künstleratelier an Strecke, empfiehlt sich der Col de Leschaux hin nach Annecy. Ähnlich wie Konstanz am Seeende gelegen, treiben Kanalwege noch hübscher in die Altstadt hinein als der Seerhein am Bodensee. Promenierflair und Genussmomente machen die Stadt zu einer – allerdings mittlerweile auch stark besuchten – attraktiven wie lebenswerten Stadt in der südlichen Genf-Region.

Annecy, Kanalstraße
Lebensfroh, genüsslich und quirlig: Kanalwege in Annecy

Die Übergänge nach Genf waren nicht so, dass sie direkt empfohlen seien, es sei denn, es soll flott gehen. Genf ist so international, dass man Schweizer Küche kaum finden wird. Die Seeroute nach Lausanne lässt sich mit mehr Zeit auch reizvoll gestalten – Nyon und Morgex sind attraktive Seeorte mit viel historischem Gemäuer und bei guter Sich mit grandiosem Alpenpanorama.

Zum Schluss fällt die Bewertung der Schweizer Bahn etwas schlechter aus als vielleicht üblich. Die Schalterangestellte in Lausanne war mit der Buchung von Rad im Fernverkehr überfordert. Zunächst verkaufte sie mir zwei Radkarten, davon eine noch nie gesehene „Zollkarte“. Am Züricher Hauptbahnhof wurde mir diese Karte schließlich erstattet. Schließlich wurde ich einen ICE gebucht, der keine Fahrräder mitnimmt (was allerdings auf der Strecke Stuttgart – Zürich mal kurz der Fall war). Die Züricher Schalterdame war nicht unbedingt kompetente und gab unter Druck und Rücksprache mit „Experten“ nach, der ICE würde doch Räder mitnehmen. Das war auch nur veraltetes Wissen. Die Bahn, die nicht weiß. Da keine reguläre Rückfahrmöglichkeit mehr am selben Tage, musste ich das Risiko selbst tragen und mit Rad in den ICE steigen. Resigniert wie nachfühlend sagte der Schaffner schließlich: „Wem gehört denn das Rad da? – Nun sitzen Sie ja schon im Zug, und anders wären sie ja ohnehin nicht mehr nach Stuttgart gekommen.“

Noch mehr Details auch in: Große Alpentour der 2000er (Radreiseforum)

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