Engadinerhaus, Fesnter mit Geranien, graues Umradnnngsmuster, Bergün
Alpen,  Regionen,  Schweiz

Das Engadinerhaus – mehr als eine kunstvolle Heimstatt

Engadinerhaus, ohne Sgraffiti, ocker/weiß/grün, Scuol
Puristisches Engadinerhaus ohne Sgraffiti mit dicken Mauern, tiefen Fensterfluchten, großer Bogentür und Sitzbank (Scuol)

Wer ins Engadin und einige seiner Seitentäler fährt, glaubt sich manchmal auf einer Museumsreise wiederzufinden, ohne auch nur einen Fuß Museumsboden zu betreten oder gar Eintritt zu zahlen. Die Schaubuden sind die Dörfer daselbst, besser gesagt deren historische Häuser. Wer schon die vielen Facetten der Fachwerkbaukunst studiert hat, Wohlgefallen an Freskenfassaden in den Städten mit italienischer Renaissance- und Barockhäusern gefunden hat oder die Lüftlmalereien in Oberbayern bewundert hat, findet hier eine weitere, sehr eigene, nur auf wenige Täler beschränkte Hochkultur des Bauens – eine besondere Verbindung von Architektur und Kunst, von baustofflichem Detailwissen, handwerklichem Geschick, schöpferischer Zeichenkunst, geschichtlicher Fabulierfreude, funktionaler Wohnkultur und gemeinschaftlichem Gestaltungswillen.

Die Grundlagen des Engadinerhauses sind zunächst einmal dicke Mauern, tief eingegrabene Fensterfluchten, breite Pforten und ungerade Linien des Kalkverputzes, der den Holzkern des Hauses mit mächtigen Mauern umwickelt. Man könnte meinen, Friedensreich Hundertwasser hätte hier seine Inspiration für eine Architektur der ungeraden Linien erhalten. Soweit noblere Gebäude, sind Erker ein weiteres typisches Merkmal, die wie Vogelkäfige aus der Hauswand hervorstehen.

Kratzbürstige Schönheit

Zu diesem schon außergewöhnlichen Baukonstrukt gesellt sich eine eigene Form der Zeichnungsmalerei auf den Fassaden – einerseits symmetrische, sich einander wiederholende Muster besonders als Randabschlüsse von Tor und Hausecken, andererseits kunstvolle Natur- oder Ereignismotive und kaligraphisch gestaltete Sinnsprüche, religiöse Phrasen, Eigentumsverhältnisse oder ein Mehr an Hausgeschichte. Sgraffiti sind aber keine Malereien, sondern entstehen durch Kratz- und Putztechniken, bei der auf unterschiedlich farbigen Putzschichten die Flächen aufgeraut oder eingeritzt werden. Da diese Gestaltung eine sehr beständige ist – sie hält 200-300 Jahre, eignet sie sich auch für die historische Dokumentation von Sagen und Lokalgeschichte.

Engadinerhaus, Motivfassade und Erker mit Blumenmotiven, Ardezn
Kunstvolle Verzierungen und Erker sind Zeichen von wohlhabenden Bauherren. Für bunte Motive braucht man mehrfache Putzschichten unterschiedlicher Farbe (Ardez)

Das Erstellen dieser Kratzzeichnungen ist aber alles andere als schlicht und einfach, ja sogar fragil und wetterabhängig in der Entstehung. Als Grundsubstanz dient gelöschter Kalk, der sich wie eine „weiche Vanillecreme“ anfühlt und einst in Fässern gelagert wurde, und ähnlich wie Balsamico eine mit gehobener Lagerzeit einen höheren, cremigeren Reifegrad erhielt. Josin Neuhäusler, Maler und Gipser im unterengadinischen Susch, vermag nicht nur die werkstofflichen und arbeitstechnischen Herausforderungen anschaulich darzustellen, sondern gibt auch Workshops für jedermann zur Kunst des Kratzens. Milde Regenzeiten sind der Freund des Sgraffitikünstlers, Wind und Kälte der Feind. So muss die Fassade feucht sein, damit sie sich weich abkratzen lässt. Ist der Putz einmal ganz ausgehärtet, ist er zu spröde, um noch bearbeitet zu werden, würde sonst splittern oder platzen.

Wir sind für rund 50 Prozent des Ergebnisses verantwortlich, 50 Prozent entscheidet die Sonne.

Josin Neuhäusler

Die Engadinerhäuser gruppieren sich in besonderer Weise zu einer organischen Dorfstruktur, die auf ihre Weise wiederum einen Erzählband des Ortes verkörpert. Das Erzählen geschieht sogar rein physikalisch: Mit dem Sonnenstand verändern sich die Effekte der Sgraffitikunst. Die Künstler müssen den Sonnenstand und Schattenwirkung in ihrer Arbeit miteinplanen. Die Natur bleibt aber immer ein Mitspieler, wie es Josin Neuhäusler formuliert: „Wir sind für rund 50 Prozent des Ergebnisses verantwortlich, 50 Prozent entscheidet die Sonne.“

Engadinerhaus, Dorfbild Guarda
Das Engadinerhaus ist auch immer Teil einer gemeinschaftlichen Dorfstruktur mit Kommunikationsplätzen (Guarda)

Gleichzeitig bilden diese cineastischen Verweilplätze auch einen Kommunikationsraum für die Bewohner oder ihre Gäste mit den einladend typischen Sitzbänken vor den Häusern. Jeder Engadiner Ort ist zugleich ein malerisches wie erzählerisches Openair-Wohnzimmer, das eine behagliche Heimeligkeit ausstrahlt, die die Hausmauern ihrerseits nach innen mit ihrer wärmeisolierenden Wirkung auch physikalisch unterstützen – sind doch die Engadiner Winter sehr kalt durch die schattige Talenge oder das exponierte Hochtal im Oberengadin – nicht anders auch die Nebentäler wie Albula, Bergell, Val Müstair oder Lenzerheide.

In das Innenleben des Engadinerhauses ist schwerer einzufinden, denn sie sind meist privat bewohnt oder doch häufig hochpreisliche Hotels. Die Pflege der historischen Häuser ist denn auch gerne ein Argument für das Preisniveau, wie mir ein Hotelfrau in La Punt einmal nachdrücklich zu verstehen gab, als ich den Preis verhandeln wollte. Mit dem Hotel Crusch Alva fand ich im nur wenige Kilometer entfernten Zuoz im Jahre 2005 eine noch erschwingliche Alternative in einem gleichwohl noch dekorativeren Haus. Obwohl Zuoz und andere Oberengadiner Orte ein paar Preziosen von Engadinerhäusern präsentieren, liegen die Schwerpunkte dieser Freiluftmuseen eher etwas tiefer: Im Albulatal und im Unterengadin. Letzteres verknüpft die historische Baukultur sogar mit einem weiteren Schweiz-Klischee, das noch recht jung scheint.

Schellen-Ursli, ein historischer Geist des Engadinerhauses oder eine Kunstfigur des Heimatkitsches?

Kaum ein Begriff hat solch vielschichtige Lebensrealität hinterlassen wie der von Heimat. Auf der persönlichen Ebene abgeschlossener Lokal- und Regionalkulturen begründet Heimat solidarisches Leben und Nächstenliebe ebenso wie die Diskriminierung des Andersartigen oder die misstrauische Distanz zum Fremden. Heimat dient als Gefühl von Sicherheit, als Echo der Wiederkehr, aber auch als Anker in der Ferne oder einer neuen Heimat. Heimat beschreibt in der Schweiz einen Teil des historischen Gründungsmythos, sie ist aber auch immer ein politisch instrumentalisiertes Gefühl für Nationalismus und beliebt als gemeinsamer Nenner für kriegerische Mobilmachung.

Schellen-Ursli, farbige Zeichung als Türaushang
Der Schellen-Ursli wurde als Kinderbuch und Film zum klischeehaften Kulturgut der des Engadins und der Schweiz

Heimat beflügelt aber auch immer wieder die erzählerische Fantasie über die eigene Geschichte und die Suche nach der lokalen Identität. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, gäbe es eine Hausgeisterzählung aus vergangen Jahrhunderten über das Engadinerhaus. Doch tatsächlich verblieben die Geschichten lange auf den Dorfplätzen, bis 1945 Selina Chönz und der Illustrator Alois Carigiet ein Kinderbuch veröffentlichten, dessen Hauptfigur, der Schellen-Ursli (im Original rätoromanisch: Uorsin), in besonderer Weise mit dem Engadinerhaus verbunden ist, sogar eine nachweisliche Vorlage dazu in Guarda steht, dessen Mauern aber bereits 1646 errichtet wurden. Die Einfachheit der nicht klischeefreien Geschichte, eine Heile-Welt-Heimat und nicht zuletzt vergleichbar mit der noch weit bekannteren Schweizer Kindergeschichte von Heidi, gewinnt vor allem im Detail durch die Poesie des Textes und Kunstfertigkeit der Malereien. Fluch und Segen von Kitsch, Klischee und Kommerz liegen heute in Guarda nahe beieinander, wie Stefan Gubser für den SRF zum 75-jährigen Jubiläum von Schellen-Ursli pointiert mit aktuellen Stimmen aus dessen Heimatdorf herausgearbeitet hat (75 Jahre Schellen-Ursli – Zugpferdchen mit Zipfelmütze).

Der Chalandamarz … beruht auf einem römischen Brauch… Es handelt sich einerseits um eine Form der Urgründe des Karnevals, … mit dem … der Winter vertrieben werden soll. Andererseits wird damit auch der Neuanfang und ein Fruchtbarkeitsritual verbunden, beschreibt das Schwingen der Glocken doch die Bewegung des männlichen Sexualaktes.

Letztlich gibt es auch für diese neue Erzählung eine historische Vorlage: Der Chalandamarz, der Umzug mit Glockengeläut am 1. März in Teilen Graubündens, beruht auf einem römischen Brauch, als die südlichen Eroberer auch in die rätischen Gebiete der Alpen eindrangen. Es handelt sich einerseits um eine Form der Urgründe des Karnevals, indem mit dem lauten Schellenklang (auch knallende Peitschen werden eingesetzt) der Winter vertrieben werden soll. Andererseits wird damit auch der Neuanfang und ein Fruchtbarkeitsritual verbunden, beschreibt das Schwingen der Glocken doch die Bewegung des männlichen Sexualaktes. Das verschweigt das Kinderbuch allerdings.

Tafel zum Schellen-Ursli-Weg, Guarda
Der Geschichte vom Schellen-Ursli kann man in Guarda auf einem eigenen Rundweg folgen

Der Geschichte Inhalt kurz zusammengefasst: Der kleine Ursli, ein Bube gut behütet bei seinen Eltern in einem Engadinerhaus wohnend, hat nur ein kleines Glöcklein für den Chalandamarz erhalten. Bemitleidet oder gehänselt von den anderen Dorfknaben, soll er nicht einmal am Umzug teilnehmen dürfen. Da nimmt Ursli Reißaus zur Sommeralpe im Maiensäß mit einem gefährlichen Weg durch tiefen Schnee zur unpassenden Jahreszeit. Die besorgten Eltern und das Dorf suchen überall nach Ursli, nachdem er bei Einbruch der Dunkelheit nicht wiederaufgetaucht ist. Am nächsten Morgen kehrt Ursli von der Alpe mit der größten Glocke aller zurück. Ihm gebührt nun die Ehre, den Glockenumzug gar anzuführen.

Durch die Erzählung vom Schellen-Ursli erhielt der Chalandamarz neuen Auftrieb und vielfach bezieht sich das heutige Fest sogar maßgeblich auf die noch junge Kinderbuchgeschichte. Nicht nur insofern lebt das Engadinerhaus als Identität von Heimat weiter, sogar in neuem mythologischen Gewand. Doch die dicken Mauern lassen erahnen, dass dahinter weit mehr Geschichten erzählt werden und schlichtes, modernes Leben stattfindet. Das Heimatklischee ist letztlich nur eine weitere Facette, die die Faszination um das Engadinerhaus nährt. Genügend Gründe, hier einmal einen häuslichen Bilderbogen zu präsentieren.

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