stiliserte Meeransicht von Chióggia
Apennin,  Italien,  Touren

Giro d’Italia 2006-2: Das flache Intermezzo an Po und Adria [Vicenza – Ravenna]

Baukunst, Kanäle, Lagunen und Pause am Sandstrand

(5) Schio – Vicenza – Montegalda – Tencarola – Albignásego – Ponte San Nicoló – Chiòggia (Sottomarina)

135 km | 50 Hm

Mit dem Abschied aus der Bergwelt verändert sich auch die Lebensweise. Ein ordentliches Frühstück ist jenseits der Alpen die Ausnahme. Bröselig-trockene Semmeln, brüchige Zwiebacke oder knatschige Küchlein im abgepackten Kleinformat, dazu ein Minimarmelädchen, ggf. noch ein Butterflöckchen, und eine Tasse Capuccino oder Espresso, bereiten die romanische Morgentafel. Die schmackhaften Gipfel, gern auch mit Schoko- und Vanillecrème gefüllt, bestellt man zum Espresso an der Bar – selten aber auf dem Frühstückstisch zu finden. Ein wässriger Saft wie hier kann das Niveau dann auch nicht heben. Auf einer Internetseite habe ich mal die Frage gelesen, wie schaffen die italienischen Rennradler eigentlich ihre Touren bei derartig nährarmem Startfutter. Ein Verdacht liegt nahe – heißt es nicht auch Doping?

Es ist bereits am Morgen so warm, dass ich schon mit hochsommerlichen Singlet starten kann. Bei der flotten Fahrt in der Ebene sorgt der Fahrtwind für ein entsprechend angenehmes Gefühl auf der Haut. Die Route ist aber nicht nur vergnüglich, denn sehr starker LKW-Verkehr pußtet mir ordentlich Abgase ins Gesicht und erfordert selbstsichere Steuerkünste, um sich gegenüber den Trucks zu behaupten. Wenn auch die Strecke selbst wenig attraktiv ist, zeigen sich im Hintergrund nach verschwommen in der dunstigen Luft geschmeidige Hügel.

Vicenza – das offene Wohnzimmer

Berühmt wurde Vicenza durch die Bauwerke, die einst der aus Padova stammende Andrea Palladio im 16. Jahrhundert erbauen ließ. Der eigentlich als Andrea di Pietro gebürtige Baumeister prägte mit seinem Stil, in dem er Elemente der klassischen Antike wiederbelebte, auch die künftigen Generationen von Architekten. Noch heute lebt der Einfluss Palladios fort, zumindest was das Wesen der Architektur generell angeht, das hier von entsprechend vielen Studentinnen und Studenten erlernt wird. Berühmt sind u. a. auch die Villen im Außengürtel Vicenzas, die – oft in privater Hand – sich nach Voranmeldung besichtigen lassen. Dieser Teil bleibt mir verborgen, doch selbst nur ein kleiner Blick durch die Straßen und über die Plätze in dieser Stadt berührt im Innern, lässt bewundern, staunen, inspiriert zu Gedankenspielen, verleitet zur genussvollen Muße.

vertäumter Garten mit Tempelpavillon vor Teichkanal, Giadrini Salvi, Vicenza
Giardini Salvi

Meine erste Station ist der Giardini Salvi. Ein wunderbarer Ort der Inspiration, mit ein paar Denkerbüsten, auf denen sich zuweilen eine Taube mit anmaßender Selbstgefälligkeit platziert, mit schattigen Sitzgelegenheiten, um ein Zeitung zu studieren, in ein Buch sich zu vertiefen, unter archaichem Baumbestand, einem idyllischen Teich vor der alten Loggia, der von Entengeschnatter aus seiner souflierenden Entrücktheit erweckt wird, dahinter der Torre di Piazza Castello, wo sich das Tor zur Stadt öffnet.

Torre di Piazza Castello, Vicenza
Torre di Piazza Castello

Die Flaniermeile des Corso Palladio beginnt hier, eine breit angelegte Fußgängerzone, mit eleganten Geschäften, die meisten heute Morgen allerdings noch nicht geöffnet. Vicenza gilt auch als die reichste Stadt Italiens, ist der führende Platz für die Goldschmiedekunst, die ansässige Bekleidungsindustrie begründet modischen Chic und Eleganz bei den Einwohnern. Beim weiteren Gang zeigen sich immer wieder neue Facetten und Blickwinkel. „Ein Besuch in Vicenza ist wie das Betreten eines Theaters“, solch strahlende Worte philosophierte der italienische Fußballstar Paolo Rossi über diese Stadt. Recht hat er.

Ich fahre wieder ein Stück mit dem Rad, gelange an eine Uferzone – malerische Brückenansichten, lebenswerte Wohngebäude am weidenüberhängten Wasser. Gleich dort überrascht dann ein großer weitläufiger Park mit aufgereihten Statuen aus weißem Stein, ausgerichtet auf ein rundes Pavillon auf einem kleinen Hügel inmitten dem weiten Rasengrün, auf dem sich bereits die Ersten zum Ausruhen, Studieren, Sonnenbaden und Picknicken einfinden. Dann wieder neue Perspektiven, schöne Gebäude aus verschiedenen Epochen, nicht spektakulär, aber eben schön und vielfältig.

Basilica Palladina, Vicneza
Basilica Palladina

Zurück über eine weitere Brücke, auf der anderen Seite der Fußgängerzone, majestätische Bauten, in weißem, lichtgebenden Stein, wie auch die Basilica Palladina – mit doppelstöckigen Arkadengängen, Figuren posierend auf den oberen Sims als Zeichen offenherziger Gastgeber, die den Betrachter in dieses offene Wohnzimmer der Stadt einladen, überdacht von einer mächtigen Kuppel in Türkis. Manchen gilt dieses als bedeutendstes Gebäude Vicenzas, andere sehen im gleich dort gegenüber zu findenden Teatro Olimpico die Krönung von Palladios Baukunst. Heute ist es Ort gehobener Veranstaltungen, Konzerte, Festivals. Das Areal ist abgesperrt, möglicherweise zu besichtigen, aber nicht jetzt, geschlossen. Ein Blick durch das Absperrgitter gibt den Charme dieses Bauwerkes preis. Efeuüberwuchert die ziegelroten Fassaden, die blumengeschmückte, von einer Zeder beherrschte Gartenpiazza von antik anmutenden Steinfiguren bevölkert.

Innehof Teatro Olimpico, Vicneza, efaugeschängerte Fassen, Skultpuren, Blumenn
Teatro Olimpico

Noch schlenkere ich durch ein paar weitere Straßen und Gassen, bin immer wieder von den stets neuen Ansichten, diesem Kosmos der baulichen Ästhetik überrascht und verblüfft. Auch neue Architektur bindet die Blicke, fügt sich ins Alte ein, wirkt nie sensationell überhöht. Nun, auch wenn es sich lohnen würde, an einem solchen Orte Tage zu verleben oder besser einen Lebensabschnitt zu verbringen, so ist Vicenza für mich nur ein flüchtiger Zwischenstopp. In einem Geschäft mit feinen Lebensmittel gibt es auch vorzüglich fertig zubereitete Speisen. Aus der Vielfalt kann ich nur einen kleinen Reissalat für die Mittagsrast auswählen, denn schnell verdirbt die Ware bei diesen hohen Temperaturen.

Erst hübsche Flussidylle, bald verkehrsreiche Hitzehölle

Für die Fahrt auswärts orientiere ich mich an der Beschilderung Richtung Autobahn „Vicenza Est“ bzw. Campingplatz. Da ich nicht nach Padova möchte, nehme ich die Nebenroute entlang des Fiume Bacchiglione, was sich aus Sicht des geringeren Verkehrs lohnt, aber ein Umweg gegenüber der SS 11 darstellt. Den optionalen Ausflug in die Colli Euganei, die kleine Hügelkette die sich süwestlich von Padova bis auf ca. 600 m erhebt und an dessen Rändern mehrere Kurorte wie Montegrotto Terme oder Abano Terme liegen, schlage ich schon wegen der enormen Hitze des Tages aus. Zeitweise genieße ich sogar etwas Flussidylle, doch gibt es keine Möglichkeit zu baden, erst südlich von Padova gibt es abgestufte Zugänge von einem Damm aus. Der Versuch bei Tencarola zu baden scheitert an gefährlich tief angeschwemmten Flussschlamm.

Ich stehe in der brennenden Hitze. Ein Stehen ist heute Folter, eine Hölle.

Auf der kleinen Nebenstraße von Tencarola nach Albignasego warte ich an einem Bahnübergang. Ich stehe in der brennenden Hitze. Ein Stehen ist heute Folter, eine Hölle. Es dauert Minuten bis ein Zug kommt. Doch nach dem Zug bleibt die Schranke geschlossen. Es passiert nichts. Lediglich Gleisarbeiter sind im Einsatz, müssen in der Hitze eigentlich noch Schlimmeres ertragen als ich, der zumindest vom Fahrtwind profitiert. Nach einer Weile ergreift ein Einheimischer mit Velo Mut und überschreitet den Bahnübergang (die Schranken lassen einen Durchlass). Wütend schließe ich mich an, obwohl ich mein Packtaschenrad nur schwierig schräg unter den Schranken durchführen kann.

Ob es 15 oder 20 Minuten der vertrödelten Zeit waren, weiß ich nicht. Bei allem Respekt vor der Priorität der Bahn gegenüber der Straße, solche schlampige Bahnübergangsführung kommt einer Blockade der Straße, einer Verdummung der Wartenden gleich. Wenn sich aufgrund von Verdrussreaktionen gefährliche Situationen zutragen sollten, trägt hier die Bahn eine Mitschuld. Trenitalia nicht nur hier ein Bemsklotz, verweigert sie doch auch die Radmitnahme in allen Fernzügen und stellt sich damit gegen europäische Prinzipien im Bahnverkehr – gewiss nicht die einzige Bahngesellschaft.

In Albignasego, eine Stadt mit einer unübersichtlichen Ansammlung von Teilorten, verfahre ich mich völlig. Ich hole mir Rat in einem Geschäft, wo ich noch 1,5 Liter Eistee erwerbe, der wenig später schon verschluckt ist. Für meine Fahrt nach Sizilien bekomme ich aufmunternden Zuspruch, den ich gegen meinen agesammelten Frust gut gebrauchen kann. Die von mir beabsichtigte Abkürzung unter Vermeidung der Stadtdurchfahrt Padova erweist sich nun durch das Zickzack als Umweg. Ich muss bis an den südlichen Stadtrand von Padova zurückfahren, um dann nach Osten abzuzweigen und schließlich auf schnurgerader Strecke (SS 516) via Ponte San Nicoló Richtung Chiòggia zu gelangen.


Ich nehme kaum noch den Verkehr und Schweiß war, steigere mich in einen Rausch hinein. Mal tauchen am Straßenrand johlende Gestalten mit applaudierenden Händen auf. Wie Schatten fliegen sie vorbei.


Rasender Zieleinlauf nach Chiòggia, Venedigs unscheinbare Schwester

Der Himmel leicht bedeckt, ist es ein wenig kühler geworden. Nach einer Erfrischung an einem Brunnen starte ich schließlich durch, trete mit hohem Tempo voran. Ich nehme kaum noch den Verkehr und Schweiß war, steigere mich in einen Rausch hinein. Mal tauchen am Straßenrand johlende Gestalten mit applaudierenden Händen auf. Wie Schatten fliegen sie vorbei. Dann drückt ein biestiger Gegenwind mein Tempo etwas herunter. Nach Codevigo stößt die Straße aus Venedig hinzu, der Verkehr insbesondere von LKWs nimmt nochmal zu. Ich habe das Gefühl, das alle Lasten über die Straße transportiert werden, Güterverkehr via Zug gar nicht stattfindet. Grotesk, wenn diese Last- und Rußrouten direkt an geschützten Lagunenlandschaften vorbeiführen.

stiliserte Meeransicht von Chióggia
Chiòggia ist die bodenständige Alternative zu Venedig mit bedeutendem Fischereihafen

Chiòggia erscheint in dunstiger Abendsonne, zunächst von industriellen Hafenanlagen geprägt. Durch die Verteilung der Stadtteile auf der doppelten Landzunge ist die Orientierung schwierig, was mir abends bei der Restaurantsuche zum Verhängnis wird. Vom Campingplatz „Miramare“ (11,50 €) in Sottomarina, wo ich einen wohl zu langen Strandspaziergang bei Sonnenuntergang mache, finde ich nur auf vielen Irrwege zum alten Hafenviertel mit den versteckten Fischrestaurants in den engen Gassen. Ich bin zu spät, muss zurück und mit einer labbrigen Pizza nahe des unschönen Touristenboulevards vorlieb nehmen. Manchmal schmeckt selbst Italien scheußlich.

(6) Chiòggia – Motta (via Laguna di Caleri) – Rosolina – Mésola – Volano – Porto Garibaldi – Casalborsetti – Marina di Ravenna – Lido di Dante

Barke mit buntem Segel vor Kanalbrücke und spitzem Kirchturm in Chióggia
Bunt, mit Charme: Kanalleben in Chiòggia

139 km | 80 Hm

Um noch ein paar Eindrücke der Stadt zu sammeln, fahre ich nochmal ins Hafenviertel. Mit seinen Brücken, Kanälen und Kirchen erinnert Chiòggia sehr an Venedig, gilt als deren unscheinbare Schwester. Zwar sind die Bauten weniger spektakulär, große Paläste und Edelhäuser ehemaliger reicher Handelsfamilien fehlen nahezu ganz, dafür versprühen Leben und Architektur einen lebensnahen Charme.

Beim Gang durch Gassen und über Brücken schälen sich immer wieder neue Blickwinkel heraus – ja jeder Schritt bedeutet manchmal schon wieder eine verblüffend veränderte Perspektive. Das Leben pulsiert, hinter unscheinbaren Schaufenster verstecken sich schmackhafte Gebäckspezialitäten, herzhafte Fleisch- und Wurstwaren, kleine Kunsthandwerke oder auch schnöder Alttagskrempel. Obst, Gemüse und Meeresgetier in Hülle und Fülle ist etwas für die Stände in den Gassen unter offenem Himmel, meist direkt an den Kanälen. Der Fischmarkt in Chiòggia gilt sogar als der größte seiner Art in Italien.

Landschaftliche Preziose: Die Laguna di Caleri

Nach der Exkursion und ein paar Einkäufen bricht schon die Tageshitze an, als ich den Weg Richtung Süden fortsetze. Nach einer ersten Passage über die extrem verkehrsreiche SS 309 zweige ich bei Motta Richtung Porto Caleri ab, wo es einen botanischen Garten gibt. Das ist eigentlich eine Sackgasse, aber nach drei Kilometern zweigt nochmals eine Straße nach rechts ab in die Laguna di Caleri hinein. Das Verkehrsschild ist zugeklebt, weil das Naturschutzgebiet nicht mit einer Durchgangsstraße belastet werden soll.

Laguna Caleri mit Möwe
Laguna di Caleri – Ruhepol nur unweit der Asphalthölle

Dennoch ist die Fahrt auf einer asphaltierten Strecke durchgehend möglich. Und lediglich wenige Autos von hier tätigen Fischern passieren den engen Fahrweg durch diese eindrückliche Welt von kleinen Laguneninseln mit einer eigenen Vogel- und Pflanzenwelt. Es ist eine erholsame, verträumte Ruhe im extremen Kontrast zu der automobilen Verkehrshölle nur wenige Kilometer entfernt. Kurz vor der Rückführung auf die SS 309 verzaubern breite Böschungen mit Klatschmohn an ebenen Feldern, in denen sich die Farben meines Rades auflösen als seien sie aus dem gleichen Samen der Erde zum Leuchten entsprungen.

grüner Damm mit Klatschmohn an der Laguna Caleri, mit grün-rot Velo

Zwischen Trucks im Asphalthagel

Zurück auf der Hauptstrecke ist nicht nur der Ruß und Staub der schier endlosen Truck-Kolonnen belastend, auch die schwüle Hitze unter kräftiger Sonne ist erdrückend. Die Straße wird durch die LKWs so stark belastet, dass die Bautrupps mit dem Reparieren nicht mehr nachkommen. Risse und Löcher sind Standard, besonders die Fahrt am Straßenrand ist daher neben den dicht vorbei ratternden Riesen nicht angenehm bis gefährlich und nur geübten Lenkern zu empfehlen. Oft füllt micht mehr als ein dickes Blatt Papier Sden ograum zwischen mir und den Trucks. Zuweilen bleibt mir nichts anderes übrig, wegen des einen oder anderen Schlaglochs anzuhalten. Eine Baustelle sorgt dann für einen langen Stau, der mich zwar nicht stört, dafür aber die neue, noch heiße Teerdecke. Lose Partikel vom Asphalt kleben auf meinen Reifen fest und drohen sich in den Gummi hineinzubohren, um dann irgendwann unheilvoll ihr Werk zu vollziehen. Die Splitter spritzen an meinem Körper hoch, stechen wie Hagelkörner und erreichen sogar Brille auf Augenhöhe. Eine Extraportion Hitze brennt von unten. An einer Tankstelle muss ich erstmal meine Reifen vom klebrigen Splitt befreien.


Lose Partikel vom Asphalt kleben auf meinen Reifen fest und drohen sich in den Gummi hineinzubohren, um dann irgendwann unheilvoll ihr Werk zu vollziehen. Die Splitter spritzen an meinem Körper hoch, stechen wie Hagelkörner und erreichen meine Brille auf Augenhöhe. Eine Extraportion Hitze brennt von unten.


Vom riesigen Ausmaß des Podeltas sehe ich wenig. Hierzu müsste ich riesige Umwege fahren. Überall führen Stichstraßen in das angeschwemmte Land des Deltas, wo etliche kleine Siedlungen angelegt wurden. Einen kleinen Eindruck der reichen dichten Vegetation mit der vielfältigen Vogelwelt erhalte ich von der Brücke über dem breitesten Poarm, dem Po di Venézia südlich von Porto Viro. Nur wenige Meter vom Lärm der Verkehrsader entfernt ist schon der idyllische Reiz einer fast undurchdringlichen Natur zu erkennen.

Auch ich erreiche endlich kurz nach Mésola einen Abzweig auf eine wenig befahrene Nebenstrecke. Doch die Alternative ist gleichermaßen durch eine ruppige und rissige Asphaltdecke gekennzeichnet. So schleppe ich mich vorwärts fortan bei großer Hitze Richtung Küste bei Volano, verfahre mich ein wenig und komme dann zu einer späten Badepause bei Lido delle Nazionale an. Hier gibt es nördlich des Ortes und der Massenstrände weniger dicht besuchte freie Strandabschnitte. Der Sand ist heiß wie glühende Kohle, ohne Sandale geht kein Schritt. Doch welche Wohltat dann hier in Ruhe nach schweißtreibender Arbeit: ein Bad im blauen Meer!

ET-Figur mit Überhalskette, Porta Garibaldi
ET mitten in der Asphalthölle des Po-Deltas

Nochmal muss ich zurück auf die Piste der Holes & Trucks, immerhin gibt es auch immer wieder gute Abschnitte, sodass ich in ein flottes Tempo hineinfinden kann. So auf die Straße und den Verkehr konzentriert bin ich schon vorbeigehuscht – da war doch was? – Ein ET als Punker? Oder eine außerirdische Hollywood-Diva? – Ich fahre nochmal zurück. An einer kleinen Häuserfront schaut ein ET-ähnliches Wesen mit reichlich Modeschmuck behangen auf die vorbeirauschenden Mobilisten. Im kleinen Kreis sitzen ein paar Leute neben dem Haus – wohl die Macher dieser irren Figur – trotz der erdrückenden Verkehrskulisse fröhlich gestimmt. Die Frau winkt mir zu, ist offenbar stolz, dass ich aus dem Verkehrsstrom heraus die Muse habe, das Fotomotiv in mein Urlaubsalbum mit aufzunehmen (kurz vor Porto Garibaldi).

Po-Idylle und Nackt-Oase

Bald beeindruckt das Bild über einen weiteren ruhigen Arm des Pos. Eine ganze eigene Flusslandschaft entsteht allein durch die Fischer, die hier mit ihren Netzen fast das ganze Wasser überspannen. Als herrsche geheimsvoller Nebel, als hätten Spinnen im Morgentau endlose Fäden gezogen – so wirkt das Bild. Der Landschaft strahlt eine mystische Ruhe aus, ein Kontrapunkt zur Hektik, die stetig über die Brücke rollt. Mit dem Abzweig nach Casalborsetti kann ich dann endlich die Hauptverkehrsader hinter mir lassen. Küstennah verläuft die Strecke durch Pininenwald. Zahlreiche Feriendörfer und Campingplätze reihen sich hintereinander. Das letzte Teilstück nach Punta Marina ist wieder offen – plane Maisfelder. Ein leichter, aber giftiger Gegenwind sorgt für eine zähe Fahrt auf den letzten Kilometern.

Fischernetze im Po-Delta, leicht stiliserter Grauton
Zum Glück sind weite Teile des Po-Deltas für Straßen unzugänglich oder bilden eine Fischeroase

Lido di Dante liegt außerhalb jeder Hektik. Am südlichen Ortseingang liegt der Eingang zum Camping „Classe“ (7,50 €), ein ordentliches Restaurant ist gleich anbei. Einige hundert Meter durch Pinienwald vom Dünenstrand getrennt, vernimmt man kaum Meeresrauschen. Stattdessen überrascht mich das intensive Vogelgezwitscher und die Meistersänger halten gar die ganze Nacht durch. Der schönste Platzteil ist der FKK-Bereich mit seinen silbrig glänzenden Olivenbäumen. Ein eigenes Bistro nebst Pool erlaubt hier Kaffee, Eis und Getränke einzunehmen, ohne den Bereich zu verlassen. Über das Zugangstor führt gleich um die Ecke ein weiteres Tor hinaus zum Weg durch den Pinienwald zum Strand, wo man gleich auf den Nacktbadestrand stößt. Zwar laufen hier auch die Textiler zum Strand, aber es stört kaum jemanden, wenn man hier auf Kleider ganz verzichtet.

(7) Lido di Dante – Ravenna – Classe – Lido di Dante (Sightseeing/Ruhetag)

41 km | 15 Hm

Mosaikreiches Ravenna

Lido di Dante hatte ich aus zwei Gründen ausgewählt. Zum einen war der Ort am siebten Tag ideal gelegen (1 Ruhetag pro Woche), mit Badefreuden am Meer verbunden. Zum anderen wollte ich den Mosaiken in Ravenna einen Besuch abstatten. Wenn ich sonst mit Kirchenkunst nicht allzuviel anfangen kann, so haben mich Mosaikenbilder seit je fasziniert. So hatten mich die Mosaiken der Päpste in der Basilica di San Paolo in Rom schon seinerzeit mehr beeindruckt als die Fresken der Capella Sixtina. Das waren jeweils Pflichtbesuche auf der Studienfahrt, die mich 1980 als Schüler nach Rom, Neapel und Pompeji führte.

Totale von San Maria in Porto, Ravenna, mit grünem Park
Ravennas reiche Baukunst: Ein achteckiger Turm thront auf der San Maria in Porto

Wie jeder Ruhetag ist auch dieser zunächst einmal Werktag – verschmutzte Wäsche reinigen, Ordnung in den Taschen wieder herstellen usw. Schon nicht mehr ganz früh am Morgen fahre ich nach Ravenna, eigentlich eine einfache, kurze Strecke. Doch Gegenwind und ein äußerst ruppiger Straßenbelag sorgen für eine zähe und das Gesäß strapazierende Anfahrt. Wenngleich ein ziemliches Verkehrsgedränge und starker Abgasgestank den ersten Eindruck trüben, brechen auch immer wieder grüne Parkanlagen mit historischen Bauwerken die mürbe Hektik des modernen Ravenna.

Als ein erstes bedeutendes Bauwerk fällt mir San Maria in Porto mit seinem achteckigem Turm ins Auge. Die Fassade ist mit opulentem Marmor verziert. An einem kleinen Stadtgarten fügt sich ein modernes mosaikenes Türmchen sehr treffend in die historischen Vorgaben der Stadt ein.

Schnell habe ich auch einen ersten Museumsort gefunden. In San Apollinaire Nuovo befinden sich schon eine Vielzahl schönster Mosaiken. Die Darstellungen bilden nicht nur Episoden aus dem Leben Christi ab, sondern auch weltliche Motive wie den Leuchturm und Hafen von Classe oder das herrschaftliche Leben wie den Prunk des Königshauses am Hofe Theoderichs auf dem „Palatium“. Für den Eintritt in die Museen und Basiliken gibt es verschiedene Optionen. Es gibt Tickets für fünf Attraktionen, sieben und so weiter.

Ich erwerbe das Minimal-Ticket für fünf Orte. Da sind die schönsten Mosaiken dabei. Andere Bauwerke wie das Mausoleo di Teodorico erschöpfen sich ästhetisch eigentlich durch einen kostenlosen Blick von außen, das Innenleben ist dann schon eher etwas für bildungshungrige Historiker. Theoderich war für Ravenna ein wichtiger Regent. Er herrschte von 493 an über 30 Jahre und sorgte u .a. mit der Restaurierung der trajanischen Wasserleitung für spürbare Verbesserungen. Er bereicherte die Stadt mit zahlreichen Bauwerken, insbesondere mit Kirchen, darunter auch die von San Apollinaire Nuovo.

blau-gold-grünes Mosaik mit Engelszene in der Aspismuschel der Basilca San Vitale, Ravenna
Leuchtendes Spiel in der Apsismuschel: Basilica San Vitale

Der kleine Stadtplan auf dem Fünfer-Ticket hilft bei der Suche der Sehenswürdigkeiten nicht wirklich weiter. Zu verwirrend ist das Straßenlabyrinth und immerzu sind andere Straßen angeschlagen als auf dem Plan zu finden. Die öffentliche Ausschilderung der Bauwerke ist eher mangelhaft. Nachweislich führen einige Schilder sogar aus der Stadt heraus, also vom gesuchten Objekt weg. Wer den Horror des Herumirrens entgehen will, sollte sich einen ordentlichen Stadtplan zulegen.

Ich brauche schließlich mehr Zeit für das Finden der Basilica di San Vitale als für deren Besichtigung. Hier leuchtet das lichte Gewölbe der Apsismuschel in verschiedenen Farben. Das Grün zeigt einen Felsen, aus dem vier Flüsse fließen. Christus sitzt auf einer türkisfarbenen Kugel, die den Globus symbolisieren soll. Der goldenen Grund über den Köpfen strahlt in den Raum wie eine Sonne. Die weiteren Darstellungen im Gewölbe und der Loggia zeugen von sehr naturverbundener Gestaltungskraft. Differenzierte Tier- und Pflanzendetails binden das christliche Leben in eine Naturlandschaft ein, die den Betrachter das ländliche Idyll ins Auge drückt. Das Dargestellte verströmt den Atem des Lebens.

In das Mausoleo di Galla Placidia gelangt man direkt aus der Basilica di San Vitale. Highlight sind hier Darstellungen wie der Panflöte-spielende Hirte oder die am Brunnenbecken trinkenden Tauben. Leider sind die Lichtverhältnisse fürs Fotografieren zu düster und ich muss es bei mitgebrachten Postkarten und einem Souvenirteller als Erinnerung belassen.

Mosaik mit grünfarbener Bibelszene in Ravenna
Typisch für die relgiösen Motive von Ravennas Mosaiken sind die naturlandschaftliche Darstellungen mit vielen Details von Tiern und Pflanzen

Aus den kühlen, dunklen Gemäuern zurück am Tageslicht ist es mittlerweile Mittagszeit und brütend heiß. Von der Kirche San Vitale führt ein Weg gleich zur Fußgängerzone. Hier entspannt sich die Hektik der Stadt und zeigt weitere schöne Seiten des Einkaufs- und Freizeitlebens. Ich verspeise ein vitaminreiches Salat- und Dessert-Menü in einem SB-Restaurant und entscheide mich gegen weitere Besichtigungen. Die schönsten Mosaiken habe ich gesehen und die beiden weiteren Sehenswürdigkeiten auf meinem Ticket würden mir mit der entsprechenden Suchzeit den ganzen Tag auffressen.

Pinien, Sand & Strand

Zurück am Camping bin ich schnell am Strand. Tatsächlich wird FKK-Strand auch intensiv genutzt, es ist in Italien ja ein seltenes Ereignis. Der Dünenstrand ist nicht sehr breit, kann aber nach Süden weit begangen werden, Nackte können auch über die offizielle Markierung hinauswandern, das Publikum ist dort gemischt. Hinter dem Strand ist das Areal weitläufig mit einem Fußweg vor dem Pinienwald, dahinter wiederum ein Fuß- und Radweg. Ob der Weg entlang des Pinienwaldes mit einem normalen Rad durchgehend gut befahrbar ist, habe ich nicht getestet, wegen der möglichen Sandverwehungen dürfte die Strecke für sportliche Fahrer jedoch nicht interessant sein. Asphaltierte Straße entlang der Strände gibt es erst ab Lido di Classe, dann aber durchgehend bis Rimini und noch weiter nach Süden.

Generell gilt, wer nur wegen der Kultur Ravenna besuchen will, sollte lieber direkt in Ravenna nächtigen (Hotel, Jugendherberge). Dann gibt es aber keine Campingromantik unter Olivenbäumen mit Vogelgezwitscher. Die gabs ein zweites Mal, und auch das Essen war am zweiten Abend wieder sehr ordentlich.

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