Blick auf Apuanische Alpen/Marmorgebiet, mit Reisevelo mit Selbstporträt erhobene Arme, Passo del Vestito
Apennin,  Emilia-Romagna,  Italien,  Toskana,  Touren

APN-2025-4
Appennino Tosco-Emiliano II (sud)
feat. Pinocchio & Marmo di Carrara

Relevante Daten für dieses Kapitel (Ca.-Werte)

  • 17.7.-26.7.2025 | 9 Tage
  • 424 km | 47 km/d
  • 6955 Hm | 773 Hm/d
  • Topografische Schwierigkeit: 1640 Hm/100 km
  • Titelbild: Passo del Vestito (Massa-Carrara)
APN-2025-2/3/4
Appennino Tosco-Emiliano-Romagnolo (Pontremoli/Mano di San Lorenzo – Passo della Calla – Aulla/Tresana)

Appennino Pratese (Toscana)

Die Provinz Prato ist flächenmäßig recht klein und hier auch nur ein Intermezzo. Die Stadt Prato in unmittelbarer Nachbarschaft von Florenz liegt etwas verriegelt im Südwesten des Lago di Bilancio, wozu man einen noch kaum erwarteten, stark befahrenen Pass queren muss. In der Ebene bei Calenzano gibt es dann schon fast eine Verkehrshölle, für die man ein dickes Fell mitbringen sollte. Je näher Prato kommt, entspannt sich die Lage ein wenig, weil wieder Fluss und Horizonte Abwechslung bringen und die Straßen etwas angenehmer sortiert sind. Prato als Kunststadt lässt sich nicht lumpen, neben den vielen Stilepochen in der Altstadt auch mit moderner Kunst zu wedeln.

Für die Kunst brachte ich nicht viel Zeit mit, da schon wieder ein Werkstattbesuch nötig wurde, wackelte nunmehr die Vorderradnabe. Da weder ein großer Bikeshop in Calenzano noch kleinere Werkstattläden in Prato sich an mein Problem ranwagen wollten, ging es nochmal mit einer Zusatzschleife zu JediBike in Vaiano. Der Meister aller Radmechaniker enttarnte den Schaden zum Glück als unbedeutend – es war nur eine Schraube nachzuziehen. Da musste nicht mal der Chef ran. Den Miniservice schenkte er mir noch gratis. Ich verneige mich. Immerhin brachte mich der Umwegschlenker noch zu einer idyllischen Badestelle über einen abgeschnittenen Radweg (s.a. APN-2025-RW).

Um weiter Richtung Pistoia zu gelangen, konnte ich die etwas unübersichtliche Innenstadt von Prato auf der Rücktour meiden. Der deutsche Discounter lag ohnehin an der nördlichen Ausfallstraße, um das Proviantloch mal wieder preislich dezent aufzufüllen. Leider kaufe ich dann meist zuviel und muss erstmal futtern, bevor es in die Taschen passt. Es wird nach Westen nahe dem Gebirgsrand doch erstaunlich schnell ländlich. Montemurlo und Montale sind nette Orte, wo man gerne mal den Abend ausklingen lässt – in Montale sogar tanzend, soweit eine lokale Tanzklasse dem Publikum ihre Künste vorführt. Montale indes ist schon die nächste Provinz, das Pistoiese.

Appennino Pistoiese (Toscana)

Supermarkt mit großzügiger Kundentoilette – das finde ich nahe der Stadtmauer bei der Einfahrt und sucht man sonst auch in Deutschland oft vergeblich. Pistoia ist ohnehin marktbekannt – besser gesagt, bekannt für Märkte aller Art, tagsüber und auch nachts. Auch heuer säumen zahlreiche Stände die Innenstadt, sich so kaum ein Foto von Gebäuden machen lässt. Dafür finde ich auch was zu kaufen, eine leichte Sommerleinenhose und einen Gürtel. Wieder treffe ich Deutsche, die in der Toskana wohnen. Das scheint fast normal, mindestens jeder zweite zufällig angetroffene Deutsche in der Toskana hat irgendwie Haus oder Freunde mit Haus dort.

In der Umgebung reichen die Anstiege zumindest im Westen fast an den Stadtrand. Hatte ich ja den Nordwesten des Pistoiese schon in meine Nordschleife eingebaut, warten numehr einige Schmankerln im Westen. Eine Runde über Femminamorte führt über einen Schnittpunkt wichtiger historischer Straßen und einem weiteren Zentrum für Kastanien. Von den Terrassen der Ausflugslokale reichen die Blicke weit in die Ebene, was die Straße nicht so hergibt. Etwas abgewandelt verwerfe ich Montecatini Terme zu besuchen und schlage eine Route über Vellano nach Pescia ein. Das war ein solcher Glücksgriff, dass ich mich zu einer kulinarischen Terrrasseneinkehr in Vellano hinreißen ließ. Das Essen war dann doch etwas schwächer als erwartet – so hatte ich die begeisterte Gästeschar interpretiert. Man muss da wohl die fetten Menüs bestellen – Armutsteller für Solisten werden nicht mit gleicher Verve vom Koch bedacht.

Lecker geht es weiter in Pescia mit Spezialitäten der Konfiserien und Konditoren. Pescia ist aber auch schon eine Art Vorstadt zu Collodi – ein weit kleinerer Ort, doch Pinocchio ein bisschen weltbekannt als geistige Heimat von Pinocchio. Der literarische Schöpfer der zum Leben erweckten Holzpuppe, deren Nase mit jeder erfunden Geschichte mehr an Länge gewann, benannte sich selbst im Pseudonym als Carlo Collodi nach dem Heimatort seiner Mutter und verbrachte dort einen guten Teil seiner Kindheit. Während Pinocchio’s Buchgeschichte fast einen Leitfaden zur moralischen Erziehung liefert, betritt man mit dem Collodi-Park eher eine unmoralische Geldgrube des Betreibers. Kaum ein Elternpaar möchte Kindern die Erlebniswelt der liebvollen Abenteuerpuppe verwehren, kosten dann nach gehobenem Eintritt manche Attraktionen nochmal zusätzlich. Für den interessierten Mann-im-Kinde wartet insbeondere ein toller Souvenirshop vom Klimbim bis zum wertigem Kunsthandwerk. Sogar ein Pinocchio-Rad wird angeboten. Zum Glück hat Pinocchio einen anderen Farbgeschmack als ich, so ich vom Kauf des Velos absehen konnte.

Unvermeidlich und deswegen 26 € Eintritt zahlt man für ein 3er-Ticket, das noch einen herrschaftlichen Schlossgarten und ein Schmetterlingshaus einschließt – jeweils immerhin sehenswert und vielleicht dann auch wieder gerecht verrechnet. Pinocchio unterhält noch mehr Souvenirbuden im Ort, quasi alles ist hier einfach pinoke – in jedem Fall nicht erlogen.

Appennino Lucchese (Toscana)

Wem das Nasenabenteuer zu trubelig wird (nein, es war nicht voll, sogar eher schwach besucht), findet naturwilden Anschluss in einem Flusstal, das den Rohstoff für Papierfabriken noch heute liefert, andere Fabriken sind schon zu Ruinen geworden. Collodi ist ein Grenzfall – der Verwaltung wegen. Die Provinzgrenze zwischen Pistoia und Lucca verläuft sogar durch den Ort. Pinocchios Abenteuerwelt liegt gerade noch im Pistoiese, seine Nase, wer weiß wie weit, wohin – in jedem Falle bis ins Lucchese. Den Passo del Trebbio darf man trotz der Papierindustrie zu den stimmungsvollen, teils verwunschen urigen Pässen zählen.

Die Flüsse Lima (vom Abetone-Pass) und Serchio (aus der zentralen Garfagnana) verbünden sich nahe von Bagni di Lucca und liefern mehren sehenswerten Brücken eine Schaubühne. Zeitweise muss man den starken Verkehr nach Lucca auf der Straße ertragen, bekommt aber zum Finale eine radgerechte Einfahrt nach Lucca entlang eines Flussbiotops.

Noch heute ist Lucca von seiner historischen Stadtmauer umschlungen, verteidigt aber mehr die Autos außen rum als noch leibhaftige Feinde. Trotzdem ist Lucca noch überschaubar, wie Pistoia mit knapp 90.000 Einwohnern keine echte Großstadt gemäß Definition, dem Ambiente nach eher schon. Ohnehin haben die meisten italienischen Städte in den letzten 50 Jahren massive Verluste von Einwohnern erlitten, einige wie Genua oder Venedig sogar mehr als ein Drittel. Pistoia und Lucca gehören da eher noch zu den stabilen Städten mit recht geringen Verlusten – also offenbar auch attraktive Städte mit Zukunftsperspektive.

In der Altstadt mag man aber kaum genussvoll radeln, so wulstig und rüde ist das Pflasterwerk und mancher Lieferverkehr mehr als erlaubt sein sollte. Das ist aber auch wieder eher Nebensache, denn: Lucca, so kann ich es kurz halten, erhält von mir die Schönheitskrone unter den größeren Städten die ich auf dieser Reise besucht habe. Alles zu entdecken bräuchte jedoch weit mehr als ein paar Stunden.

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