Milano Cortina 26 – Olympische Velo-Variationen
Was Velofreunde im Sommer in den Winter-Olympiaorten finden können
Aus aktuellem Anlass der Olympischen Spiele möchte ich hier die kleinen Orte der Olympischen Winterspiele vorstellen, besser gesagt, was sich in der Umgebung an Radloptionen ergeben kann, wenn man zu schneefreien Zeiten in diese Bergregionen fährt. Ich bin ja häufig in den Höhen unterwegs, wo auch Wintersport betrieben wird, und werde dort mit manchen unschönen Entwicklungen konfrontiert, die der Wintersport so mit sich bringt. Ebenso ist in Wintersportdestinationen allerorten zu erkennen, wie um neue Sommeraktivitäten gerungen wird, um die Einnahmeverluste durch die schwindenden Winterwelten infolge des Klimawandels auszugleichen. Dazu zählt nicht zuletzt der Radtourismus in verschiedenen Formen.
Gewiss kann ich zu Mailand nichts beitragen – ich habe die Stadt nie angestrebt, weil eher fern von geeigneten Radrevieren. Die anderen Austragungsorte sind für erfahrene Alpenreisende gewiss keine Pioniergebiete, eher schon bekannte Hotspots – sonst gäbe es da ja nicht Olympiawettbewerbe mit viel Tamtam. Cortina ist gar das zweite Mal Austragungsort der Winterspiele und blickt auf eine lange Karriere als luxuriöser Wintersport der Pelzmantelschickeria zurück – da dürfen die jüngsten Auswüchse nicht wirklich überraschen.

Erfreulich nun, besteht bereits teils eine recht beliebte und gute Infrastruktur für Radtourismus in der Umgebung der meisten Orte – sowohl für Rennradler wie auch teils für klassische Tourenradler oder ausgewiesene Offroad-Freunde. Ich hoffe trotz der meist recht bekannten Orte und Umgebungen doch ein paar Tipps geben zu können – für Alpenneulinge allemal. Nicht selten liegt ja das Unbekannte nicht weit entfernt vom Weltentrubel. So geht es hier auch mehr um die Umgebung der Orte, weniger um die Orte selbst. Die radlerischen Optionen sind der Gebirgsregion geschuldet natürlich eher bergig, die radtouristischen Durchfahrtsrouten werde ich gleichwohl auch ein bisschen anreißen.
Ich habe leider nicht von allen Orten das gewünschte Bildmaterial, einiges liegt weit in der Vergangenheit, als ich noch analog fotografiert habe, kenne auch Orte noch früher bis in die Schulzeit zurück. Um das Spektrum aus meiner Radhistorie breit zu halten, ist das Bildmaterial folglich auch unterschiedlich gut oder ich rette mich auch mal über den Nachbarort. Gewiss präsentiere ich hier keine umfassende Touristenseite für die Orte und Umgebung, sondern möchte Appetit auf die Möglichkeiten machen. Für mich sind aber auch ein paar interessante Rückblicke – etliche Orte, Täler oder Pässe habe ich mehrfach besucht. Bei mancher Wiederkehr überkam mich das Gefühl, ich würde in mein Wohnzimmer eintreten, eine Art zweite Heimat. Alpenliebe eben.

Fürwahr geht dieser Beitrag im Laufe der Spiele hinaus, sodass sich ständig Dinge ändern und morgen schon Vergangenheit sein werden. Da es hier letztlich nur wenig um Wintersport geht, bleiben auch aktuelle Ereignisse außen vor. Gedacht ist es aus einer langfristigen Perspektive, wenn man die Olympiaorte zu anderer Jahreszeit und entsprechende Sportaktivitäten erlebt, evtl. schon einige Einrichtungen wieder abgebaut wurden oder dem Verfall preisgegeben sind. Die Schnittmengen von Radlern und Wintersportler sind sicher da und dort interessant und gegeben, aber letztlich doch vergleichsweise gering. Der Wechsel der Jahreszeiten macht es ja möglich, dass am selben Ort in den Bergen völlig konträre Landschaften und Klimate herrschen.
Alles hier Dargestellte basiert auf mehrwöchigen oder mehrmonatigen Radtouren in den italienischen Ostalpen und darüber hinaus (2005, 2006, 2007, 2020, 2024), für die ihr auch Links in der Sammlung der Alpentouren auf der Website findet (Alpen-Touren – Übersicht der Tourberichte). Bis auf den 2007er Alpensüdbogen existieren Berichte zu den Touren entweder direkt hier auf der Website oder umwegig im Radreiseforum. Der eher ungewohnte Querbezug zwischen Radrevieren im Sommer und olympischen Wintersporten eröffnet vielleicht neue Ideen, die auf anders geplanten Touren eventuell untergehen.
Antholz (Südtirol)
Während im Sommer Antholz eher ein recht abgelegenes, beschauliches Touristenleben führt, wird der Ort im Winter zum Zentrum des Biathlonsports (1600 m) – so auch bei Olympia Milano Cortina 26. Antholz liegt noch recht verträglich in der Nähe von Cortina, obwohl in unterschiedlichen Regionen gelegen und von einer Sprachgrenze getrennt. Die Wettkampfstätte liegt unmittelbar beim Antholzer See mit ein paar Lokalitäten, die eigentliche Ortsbesiedlung Rasen-Antholz mit den zahlreichen Gemeindefraktionen beginnt hingegen gestaffelt weiter unten und zieht sich bis ins Plateau des Pustertals mit der Nachbargemeinde Olang, die sich bereits zur Gegenseite der Rienz verteilt.




Für Mainstream-Radler liegt Antholz selbst etwas abseits der bekannten Radwege, die durch das Pustertal führen oder sich dort anschließen bzw. überschneiden. Kommt man nicht aus dem Pustertal, kann man Antholz aus Österreich, genauer dem Defereggental in Osttirol erreichen, gleichwohl auch dort ein abgelegenes Hochtal parallel zum bekannteren Drau-Tal. Der Staller Sattel (2052 m) wird zur Südtiroler Seite per Ampel blockweise in eine Richtung freigegeben. Aus Osttirol kommend ist die Grünphase für den Radler kein Problem, fällt die Straße doch nur ab, an der keine Attraktionen zum Halt locken. Umgekehrt wird man in die Rotphase gelangen und muss sich entsprechend vorsichtig verhalten. Das dünn besiedelte Defereggental kann bereits im unteren Teil mit Blumen punkten, gewinnt zur Passebene hin durch bergbachgetränkte Sumpfwiesen und üppigen Bewuchs von Almrosen weiter an Attraktivität, um mit dem Obersee eine fast schon karibische Krönung zu feiern. Die Westseite mit dichtem Nadelwald und wenig Aussicht kann das nicht mehr kontern. Die bevorzugte Richtungswahl dürfte also nicht nur verkehrstechnisch von Ost nach West sein.
Folgt man bei Rasen-Antholz an der Rienz nach Toblach, ergeben sich mehrere attraktive Südanschlüsse. Der Fernradweg München-Venedig, bzw. die dazu genutzte Dolomitenbahn führt schließlich zum zweiten Olympiahauptort Cortina. Abweichend kommt man auch zum Lago Misurina (1756 m) und den Drei Zinnen (2320 m), evtl. weiter nach Cortina oder Auronzo.




Hier stellt sich schon die Frage, ob es mehr im Umfeld von Rasen-Antholz oder von Cortina liegt. Schon auf dem Weg zum Toblacher Feld stolpert man über wundersame Sezenerien, wenn man Seiten einschlägt, so zum Pragser Wildsee, der nicht weniger Hotspot ist als Lago Misurina oder Drei Zinnen, oder doch etwas entlegener Plätzwiese (1993 m) mit der Dürrensteinhütte (2040 m) und einem passablen Schotterübergang wahlweise zur Staatsstraße oder dem Radweg der Dolomitenbahn beim Passo Cimabanche Richtung Cortina oder Toblach.




Weniger bekannt ist hingegen der Furkelsattel (1789 m), der von Antholz kommend sich unmittelbar im Süden anschließt. Er ermöglicht eine gewisse, bergige Abkürzung ins Gadertal (Val Badia), um Anschluss zu den großen Dolomitenrunden bei Sella und Marmolata zu gewinnen oder zum Würzjoch hin, um die nordwestlichen Dolomiten zum Eisacktal hin zu erkunden. Eine steile Stichstraße in eher schwieriger Pistenqualität ermöglicht sogar, von der Passhöhe des Furkelsattels zum Kronplatz aufzufahren (2273 m) – zumindest für MTBer ein Topziel der Region und auch Teil eines lokalsportlichen Radevents. Eigentlich ist es erstaunlich, dass das Skigebiet Kronplatz keine Beachtung für olympischen Wettbewerbe fand. Wie das gesamte Gadertal ohnehin, führt die Westflanke des Furkelsattels in ein Zentrum der ladinischen Kultur, die sich in Sprache und Kunsthandwerk auch heute noch authentisch widerspiegelt. Beide Auffahrseiten sind zwar unterschiedlich, aber etwa gleich zu werten in Schwierigkeit und Landschaftserlebnis.



Bewegt man sich von Antholz kommend im Pustertal etwas nach Westen nach Percha (892 m), führt eine Sackgasse zu einem kleinen Felsenwunder, dass in Luftlinie noch näher liegen würde, aber vom Antholzer Tal kein direkter Straßenzugang besteht. Es handelt sich um die Erdpyramiden Platten (1566 m), nur die letzten Meter zur Aussichtsplattform muss man ohne Sattelgefährt begehen. Die Anfahrt ist nicht ganz so ergreifend wie das Endziel zu begeistern weiß, aber steil ist die Strecke schon.

Antholz und Rasen sind nicht fern von Bruneck (836 m), dem eigentlichen Zentrum der umgebenden Region. Bruneck hat sich einen recht edlen Status mit seiner vielfältigen Geschichte und Kultur erschaffen, eine Burg – gleichwohl auch eines der Messner-Museen – bewacht die eleganten Einkaufsgassen, Literaten haben der Stadt unterschiedliche geistige Wurzeln verliehen. Und natürlich ist Bruneck auch Basisort für den Kronplatztourismus – die Bergbahnen sind nicht fern.

Da Bruneck recht nah zu Rasen-Antholz liegt, sollte die dortigen zahlreichen Radroutenattraktionen einbezogen sein. Die Sportradler werden schon erwähntes Gadertal mit Anschluss Sellarunde ins Auge fassen, wobei die Fraktionen von Alta Badia mittlerweile zu populären Radsportbasen gewachsen sind, sodass schon eher mehr Autos mit Huckepackrädern die Hotels ansteuern als das Tourenradler auf den Straßen fahren. Um die sog. autofreien Sella-Ronda als radtouristisches Event (die Straßen sind nur sehr begrenzt und für einige Stunden für den Autoverkehr gesperrt, nicht den ganzen Tag!) muss man sogar schon von einem Overtourism durch die Radlergemeinde sprechen.

Nach Norden hin sind die Möglichkeiten kaum geringer. Parallel zum Pustertaler Radweg in der Talsohle finden wir eine Panoramastraße über Terenten (1278 m) nach Niedervintl zurück im Tal, die als Pustertaler Sonnenstraße mehr verspricht als sie im Zweifel halten kann – denn es regnete weitgehend zu meiner Beradlung dort. Dieses Pech sollte aber nicht von einer Runde dort abhalten.



Direkter nach Norden weit in die Zillertaler Alpen und Venedigergruppe rein verteilen sich drei Äste des Tauferer Tals. Bereits eine eigene Tour wert ist das untere, flache und weitgehend durch einen Radweg erschlossene Haupttal bis Mühlen in Taufers bzw. Sand in Taufers. Das nach Nordwesten abzweigende Mühlwalder Tal führt zu einem grandiosen Talschluss am Neves-Stausee (1860 m) mit begrenztem Offroad-Anschluss etwa um den See.



Das nordöstliche und dichter besiedelte Tauferer Ahrntal endet asphaltiert im Almweiler Kasern (1627 m), kann aber noch recht weit auf Piste zu einer längeren Almtour erweitert werden, ohne dass eine Durchfahrt für gängige Trekkingräder in Aussicht steht.



Wieder ein Beleg, dass man geografische Begriffe besonders genau schreiben sollte, liefert das parallele, etwas südlicher angesetzte Reintal in Taufers, weit entfernt etwas mit dem Rhein tun zu haben. Auch hier endet die Asphaltstraße in einem kleinen Bergort, ohne dass der Weg zu Ende scheint. Die Piste ist dann sogar als Übergang nach Osttirol via Klammljoch (2295 m) radelbar, wenn auch für bepackte Tourenradler schon eine harte Herausforderung. Man kann auch sagen, die Wegepiste erscheint etwas verlockend einfacher in der Qualität, als die Fahrt dann sein wird. Schon die asphaltierte Anfahrt nach Rein in Taufers sorgt für harte Steigungsspitzen. In Osttirol wird schließlich das Defereggen-Tal mit Anschlussmöglichkeit ins Drau-Tal erreicht oder gereicht zum Rundkurs mit dem Staller Sattel zu einer denkbaren wie anspruchsvollen „Antholzer Olympiarunde“.


