Velo und Selbstporträt in Nebelwolke auf dem Monte Malanotte, Sendemast zu erahnen
Alpen,  Italien,  Ligurien,  Piemont,  Touren

ALP-2025-1-Lig
Alpi Liguri
feat. Oliveto di Imperia & Monte Malanotte

Alpi Liguri (Piemonte)

Noch ein Drehkreuz, das dritte Mal ich dort aufkreuze, ohne diesen Ort kaum die Ligurischen Alpen zu denken, schon der alten Via del Sale wegen: Garessio am Tanaro-Fluss empfängt den Reisenden mit piemontesischen Spezialitäten und seit 2025 auch mit einer neuen Brücke, die Einwohnern und Besuchern als erweitere Promenade dienen will. Keine Autos, sondern Ruhebänke stehen auf der Brücke – auch eine Ortsbildpflege, die man gerne begrüßt.

Noch hatte ich eine kleine Passschleife ausgetüftelt, die für kurz nochmal durch Ligurien führt, wenngleich nur für wenige Häuser mit ein paar lustig gestimmten Bewohnern. Nicht mehr weit von Calizzano dreht die Tour über den Colle dei Giovetti wieder zum Tanaro-Fluss, wo nun Pilze am Straßenstand feilgeboten werden. Am feinen Essen kommt man wohl im Piemont nicht drumrum. Bagnasco, schon immer etwas zerrissen zwischen den unterschiedlichen Herrschaftsbereichen aus dem römischen Mittelmeer und den Savoyern im Nordwesten, pflegt bis heute traditionsbewusst den Bal do Sabre, einem Kettenschwerttanz – möge es dabei friedlich bleiben. Auf der musealen Ortserkundung stößt man immer wieder auf gemalte Motive in Häusernischen und kleine Skulpturen an stillen Plätzen.

Kastanienwälder sind überall, jedoch nimmt die Maronenkultur nach Westen hin nochmal zu, entsprechende Spezialitäten auch immer wieder zu finden. Im auch wieder nicht einfachen Auf-und-ab bis ins Val Corsaglia gelange ich in ein ebenso unwirkliches wie unerfreuliches Handgemenge mit einem Käsehändler in Viola, derweil das Marktgeschehen am Sonntagmorgen (eigentlich mehr regionales Kunsthandwerk) gerade eröffnet war. Immer mehr zwang er mir zu große Käsestücke auf, die seine Frau ungeschnitten schnell verpackte – Widerspruch im Keim erstickt. Zur Kasse ich dann 43 € zu schwere Käselast zu zahlen verweigerte, nahm der Händler Anlauf mein Rad niederzureißen und mir einen Fausthieb zu versetzen. Umstehende Händler und Passanten verhinderten jedoch die blutige Nase. Ich wurde auf Geheimwegen auf einem Umweg durch nettere Bewohner weggelotst.

Auf der Tour der überfährt man gleich zwei Höhenorte, die sich dem Skitourismus verschrieben haben. St. Gréé, zugleich Passhöhe, zeitigt den Verfall eines monströs überdimensionierten Hotelbaus. Nicht nur die Grenzen des Geschäfts in Zeiten des Klimawandels und sinkender Realeinkommen treten da symbolisch zutage, sondern auch die kurze Halbwertszeit einst als modern geplanter Betonbauten. In San Giacomo Roburent hingegen ist auch Sommerbetrieb zu finden mit noch intakten Lokalitäten und Hotels, doch davon weniger nötig wären, um die vergeblich auf Kunden wartenden Kirmesbuden mit Lakritz und Schaumzucker zu beglücken. Die dunklen Wolken halten unentschlossene Ausflügler zudem fern, was mich Übermütigen einige Zeit später triefend feucht bestrafen sollte.

Ich möchte die Fahrt ins Wolkenwasser hinein nicht abschließen ohne Pamparato erwähnt zu haben, wo man Theaterkultur, Maiskekse und Kastanienspezialitäten mit viel Charme und Liebe pflegt. Gern sitzt man hier am Brunnen und genießt die Zeit inmitten von eng aufgerückten Bergwäldern. So ganz anders als die Orte zuvor – einfach wie daheim unter freundlich gelaunten Menschen am Brunnenplatz.

Der Regennacht begann sodann schon weit zuvor am Nachmittag, zur Steilrampe hin genauso wie im Auf-und-Ab an Kuhweiden vorbei. Kaum war es möglich, den Weg nach Karte oder Smartphone zu suchen – alles drohte ein Opfer der Regenschwaden zu werden – die Sicht kaum 30 m weit. So konnte die Nacht nur unter einem Dach erträglich werden, einen Kapellenvordach, wo noch genug Gicht zur Seite reinwehte, so nicht alle Dauenfedern trocken bleiben konnten.

Der Regen ging, die Wolken blieben tief und bis zum Gipfelfinale auf dem Monte Malanotte eine Sichtsperre für die Bergwelt – immerhin war es mein höchster Punkt des Teils in den Ligurischen Alpen (1741 m) auf dieser Tour. Dort oben waren es eher nur 20 m Sicht, weniger geht immer. Zuvor hatte ich aber noch Frabosa Soprana besucht, dass sich zur Nordseite unterhalb vom Monte Malanotte platziert hat, auch gern im Sommer besucht wird und offensichtlich als Trainingslager für Jugendfußballer geschätzt wird.

Von Frabosa Sottana tiefer im Tal windet sich dann die Straße in einem weiten Bogen um die mächtige, grüne Kuppe des Monte Malanotte und seinen schroffen Begleitfelsen davon etwas abgesetzt im oberen Val Maudagna. Die Straße ist dem Skiort Prato Nevoso angemessen breit ausgebaut und auch nicht immer sehr spannend, soweit die kantigen Felskulissen verschwunden sind. Etwa zur Hälfte hin zweigt eine Straße in einen weiteren Berg- und Wintersportort als Sackgasse ab (Artesina), während es nach Prato Nevoso über mehrere ausgeprägte Kehren nach oben geht. Die 13 Kurven sind alle (nach oben absteigend) nummeriert und mit einer Steigungstafel versehen, die jeweils einer Radsportlegende mit Namenszug und Geburtsdatum gewidmet ist. Im oberen Bereich wurde etwas gemogelt und gleich drei Tafeln ans Ziel gesetzt.

Prato Nevoso darf man als typisch verbauten Wintersportort mit arg niedrig hängender Schönheitswertung charakterisieren. Viele Lokale und Unterkünfte haben im Sommer geschlossen, die geöffneten Bars, Apartments und Hotels sind nur mäßig besucht. Immerhin gibt es zwei Supermärkte, in denen man sich etwas unerwartet versorgen kann, was in den Talorten schwieriger ist. Der Colla del Prel (1608 m) ist sowas wie das unbestimmte Ende der Straße, eine weitere Ausschilderung ist nicht sehr auskunftsfreudig, obwohl sich weitere Ferienhäuser noch die fortlaufende Straße hochziehen. Das Ende ist aber selbst mit dem letzten Haus noch nicht erreicht, denn die Straße reicht bis zur Gipfelkuppe mit Rifugio und Sendemast, sofern ich das im Nebel erkennen konnte.

Bekannt war mir eine fortgesetzte Durchfahrt ins Val Corsaglia zur Gegenseite des Val Maudagna. In Frabosa Sottano hatte ich mir noch von der Frau in der Touristinfo versichern lassen, dass die Strecke asphaltiert ist. Am Colla del Prel ist aber kein Straßenhinweis zu finden, man muss genau hinschauen, so eine Radroutenbeschilderung besteht. Es ist nicht vorgesehen, dass dort Autos fahren und aufgrund des heiklen Straßenzustandes auch für ein größeres Verkehrsandrang einschließlich von Reisebussen nicht geeignet. Die offizielle Radroute hat man also bis auf wenige Bergbauern und Lokalbewohner für sich allein. Landschaftlich ein weit wilderes und schöneres Erlebnis als das Val Maudagna, sollte man entsprechend die Tour andersrum fahren, kostet aber mehr Wadenkörner, weil es einige heftige Steigungsspitzen hat, die ich sodann als beschleunigende Fallstufen erleben durfte.

Die obersten Orte im Val Corsaglia sind verwunschene Kleinode, meist mit einem Gastbetrieb, die allerdings schmale Öffnungszeiten haben. Endet der wilde Bergfluss mit gehobenen Fallstufen, habe ich noch eine Runde zwischengeschaltet, die mir einerseits den nunmehr wolkenfreien Monte Malanotte von unten zeigt, andererseits dichte Kastanienwälder durchstreift. Über eine sehr steile, enge Straße gelange ich genau passend für eine mittelalterliche Römerbrücke ins Val Corsaglia zurück, wo sich eine Badestelle nebst Picknickplatz ergibt. Mehr aber musste ich mal wieder werkeln und die nächste undichte Stell in der Schlafmatte reparieren – ausnahmesweise mal kein Reifendefekt.

Es ist nun schon fast Zeit Abschied zu halten – zumindest aus den hohen Bergen. Das Val Corsaglia läuft langsam aus zur Nordgrenze der Ligurischen Alpen, die der nunmehr nach Westen gelenkte Tanaro-Fluss bildet. Etwas verschlafen wirkt San Michele Mondovì, wo ich gerade noch ein Lokal für eine Pasta finde, da sonst alles geschlossen ist, aber doch immerhin ein Radladen sich am Ortsrand liegt und der Wirt des Lokals wohl auch ein Radsportfreund ist. Die Ligurischen Alpen trudeln in einem recht flachen Hügelland aus, was zum Tanaro hin abfällt oder noch kleinere Zwischentäler bildet. So ist denn die Fahrt nach Ceva, wo ich den Tanaro überschreite und die Ligurischen Alpen endgültig verlasse, um in die Langhe einzufahren, eine ungewöhnlich leichte Abschiedsvorstellung zu dieser Alpenregion.

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