ALP-2025-GB-2
Nordostalpen (Grasstein – Brenner – Memmingen)
(Süd-)Tirol/Bayern: Grasstein – Wipptal mit Seitentälern/Brenner-Special – Innsbruck – Schwaz – Achental – Tölzer Land – Ammerland – Lechrain – Unterallgäu – Memmingen
Das Wipptal gehört zu den Tälern, die sich beidseitig der Talwasserschiede erstrecken, was besonders bei Hochtälern eine sinnvolle Einordnung liefert – so auch wie beim angrenzenden Pustertal. Zwar hat der Brennerpass auch eine klassische Passstruktur, jedoch verteilen sich die Anstiege auf beiden Seiten auf langgestreckten Plateaustufen. Deutlicher wird das noch, wenn man in die Seitentäler hineinschaut, die sich oft flach vom Haupttal weit in die Berge hineinstrecken, bevor sie steiler ansteigen. Während im Süden der Brixener Talkessel das angenäherte Hochtal markant abbricht, durchschneidet auf der Nordseite die Sillschlucht das Plateau, bevor sich die seitlichen Plateaustufen ebenfalls nach Innsbruck hin absenken. Im Gegensatz zum Pustertal ist daher der Plateaucharakter weniger ausgeprägt, insbesondere unterscheidet sich der eher schmale Brennersattel stark vom breiten Toblacher Feld, welches ein deutliches stärker ausgeprägtes Hochplateau unmittelbar an der Talwasserscheide darstellt.
Mein Brenner Special sollte genau hier im Wipptal ansetzen mit der Beradlung mehrerer der Seitentäler. Das Wetter entwickelte sich zudem so ungünstig, sodass es gar verwunderlich war, dass ich die geplanten Exkurse nahezu alle noch schaffen konnte, deren Auswahl bereits sehr selektiv war. Schon am weitgehend trüben Vortag rückten immer mehr Wolken heran, die die nächsten beiden Tage in Brenner-Wasserspiele verwandeln sollten. „Brennero Grande“ fiel also etwas mager aus, vergleicht man die sonst noch denkbaren Varianten, die das Wipptal eröffnet.
Der Brenner-Radweg ist ab Franzensfeste zugleich Teil des Fernradwegs München-Venedig, wobei die Fortsetzung ab Sterzing den jüngsten Radweg-Teil auf der gesamten Brenner-Route zwischen Bozen und Innsbruck darstellt, soweit überhaupt „Radweg“ zutreffend ist (was für die Tiroler Seite nur sehr bedingt zutrifft). Ist man auf der Südtiroler Seite fast immer auf Tuchfühlung mit der Autobahn – wenn nicht visuell, dann doch akustisch –, unterscheiden sich davon doch zwei Abschnitte.



Wasserfälle, Regenfälle, Sündenfall – die Brennersüdseite
Di, 9.9. Grasstein – via Brenner-Radweg – Niederried – Stilfes – Freienfeld – Sterzing – Gossensaß – Ausserpflersch – Ladruns – St. Anton (Innerpflersch) – Wasserfallweg (Straße) – Mautstelle Furtalm (Stein) /1375 m) – St. Anton – Ladurns – Bivio Ast – via Brenner-Radweg – Café Route 232
45 km | 870 Hm
Oberhalb von Grasstein führt die Route weit in den Hang hinein und abseits der Talroute auf einer Anrainerstraße über Niederried nach Freienfeld, wo man wieder im Verbund der Verkehrsachsen nach Sterzing einrollt. Zwar ist hier die Radroute deutlich hügeliger als die Staatstraße, doch sehr launig und schöner zu radeln. Eine zweite deutliche Abweichung folgt in Gossensass über eine alte Bahntrasse, der man zwar bis zur Passhöhe folgt, die aber ab dem ehemaligen Bahnhof Moncucco/Schelleberg wieder parallel und nahe der heutigen Transitachse verläuft. Gossensass ist dann auch das Stichwort für das erste Nebental des Wipptals, in das ich gefahren bin – zugleich das einzige auf der Südseite.



Der Radweg selbst nimmt hier einen weiten Bogen bereits ins Pflerschtal hinein, aber getrennt von der Pflerschtalstraße. Nur gering besiedelt, bildet St. Anton (auch Innerpflersch) das vermeintliche Straßenende einer eher kurzen wie flachen Talfahrt. Tatsächlich führt eine Straße unter dem Namen „Wasserfallweg“ noch weiter aufwärts in Richtung Furtalm, als Forstweg und Mautstraße ab dem Parkplatz Stein (1350 m). Ich konnte hier aufgrund des Regens nicht mehr weiterfahren, was wohl gut möglich ist. Irritierend ist, dass der Wasserfallweg als Kreis in St. Anton geschlossen werden kann, aber dabei über einen nicht radelbaren Trail führt.




Der Radweg hat den Vorteil, dass man nicht mehr nach Gossensass zurück muss, wenn man das Pflerschtal wieder verlassen will. Der Abzweig befindet sich noch deutlich jenseits von Gossensass. Die Steigung ist hier durch eine weite Kehre stark moderiert, zugleich hat man bereits beim ehemaligen Bahnhof Moncucco/Schelleberg quasi das Brennerplateau erreicht, während die Staatsstraße noch weiter unten im Tal verläuft und die Autobahn auf der Gegenseite in gleicher Augenhöhe liegt. Einer der ehemaligen Bahnwärterhäuschen wurde vor wenigen Jahren als neues Tagesbistro hergerichtet, dass entsprechend vornehmlich von der Radfahrerklientel lebt (Route 232/Radrast Giggelberg).

Mi, 10.9. Café Route 232 – via Brenner-Radweg – Brennerpass (1374 m) – Gries am Brenner – Obernberg – Gasthof Waldesruh – via Piste – Obernberger See (abgebrochen bei ca. 1500 m) – Obernberg – Gries am Brenner – St. Jodok – Klausenkapelle (Muchnersiedlung)
38 km | 735 Hm
Gewiss, die Brennerpasshöhe hat noch nie Jubelarien verzückter Schönheit evoziert, aber der Ort hat sich in den letzen 20 Jahren nochmal schlechter entwickelt. So wartet mittlerweile eine Shoppingmeile mit einem Center von 70 Markenshops und einem riesigen Parkhaus auf kaufkräftige Kundschaft. Alles andere als nachhaltige Alpenwirtschaft, wird doch damit der überlastete Brenner noch mehr zu einem Magneten für Leute, die mit den Alpen so gar nichts im Sinn haben. Über Zweidrittel der Autos tragen deutsche Kennzeichen, wie ich durch den vom Regen verordneten Zwangsaufenthalt recht gut registrieren konnte. Nicht aus dem Center, aber von einem anderen Shop brauchte ich sogar eine neue Regenhose, wenngleich ich letztlich doch den meisten Regen zumindest an diesem Tag ausgesessen habe.




Stimmungsvolle Wipptal-Variationen auf der Brenner-Nordseite
So standen im nächsten Nebental, dem Obernbergtal, noch die aufdampfenden Wolken und tränkte es in romantische Stimmung. Nach einer kleineren Zwischensteilstufe verläuft auch dieses Tal meist recht flach bei geringen Steigungen. Der eigentliche Anstieg zum gleichnamigen See stellte mich jedoch vor eine unlösbare Aufgabe. Die eigentlich passable Piste ab Asphaltende war nicht nur leicht vom Regen aufgeweicht, sondern setzt solch steile Rampen, dass sie mit einem Vollgepäckrad wohl kaum zu bewältigen sind – schieben ebenso ausgeschlossen. Da ich auch noch zuvor am Brenner meinen Proviant aufgestockt hatte, war der Versuch vergeblich und ich musste das Experiment abbrechen, obwohl nicht mehr weit vom See entfernt. Ferner drängte mir die Zeit, noch ins nächste Tal zu gelangen, da auch hier eine herbe Kälte einzog – sonst hätte ich vielleicht noch einen Fußmarsch erwägen können.






Do, 11.9. Klausenkapelle (Muchnersiedlung) – Aue – Schmirn – Toldern – Kasern – Piste Tuxerjoch (bis Viehgatter, max. 1650 m) – Kasern – Toldern – Schmirn – Aue – St. Jodok – Stafflach – Steinach – Matrei – Schönberg – Mieders – via Kieswerk – Fulpmes – via Radweg R19 – Kampl – Neustift im Stubaital – teils via Rantaler Straße, teils via Radweg – Krößbach – Volderau/Klaus Äuele
63 km | 855 Hm
Wechselseitig geht es weiter bei Stafflach/St. Jodok ins Schmirntal, welches eine längere Asphaltpassage als das Obernbergtal erlaubt. Anders auch die Abfolge der Steigung, so man zunächst mit einer Talüberhöhung eine stärkere Steigung bewältigen muss, dann abfallend über den Hauptort eine eher gemäßigte Weiterfahrt folgt bis zum Almweiler Kasern. Zwar lässt sich eine Piste noch gut weiterfahren, doch endet das bald mit einer Trailpiste zum Tuxerjoch, die nicht reiseradtauglich ist. So habe ich auch nicht die letzten denkbaren Meter der Pistentour ausgereizt, sondern die gemütliche Einkehr für eine Almjause vorgezogen. Leider sind auch hier die Preise recht schmerzhaft fortgeschritten.




Den ungetrübten Sonnentag nach zwei Regentagen wollte ich nutzen, um noch weiter ins Stubaital vorzudringen. Eigentlich hätte sich noch das kleinere Nebental vom Schmirntal angeboten, das Valstal. Der Blick beim Abzweig versprach einen Talschluss mit eindrucksvollen Berggipfeln. Mein Gedanke drängte aber, das Tal könne ähnlich zum Schmirntal sein und ich würde ggf. eine geeignete Zeitaufteilung im Stubaital dadurch gefährden. Tatsächlich erfordert das Stubaital eine lange Anfahrt von mehr als 30 km bis zum Straßenende und Basis der Gletscherbahnen.



