APN-2025-5Appennino Ligure II (sud/ovest)feat. Cinque Terre & Monte Beigua





Cinque Terrre
Die Cinque Terre spielen eine Sonderrolle an der Ligurischen Riviera, da die fünf ehemaligen Fischerdörfer – heute mehr Touristenhotspots – jeweils einzelne Sackgassen bilden, die nur umwegig über Hinterlandstraßen mit bis zu ca. 500 m Höhenunterschied erschlossen sind. Durchreisende umfahren das Gebiet noch weiträumiger über die Via Aurelia im Hinterland, die gleichmäßiger und gerader über einen entfernten Bergrücken gleitet. Diese stark zerklüftete Steilküste beginnt eigentlich schon außerhalb im Süden bei La Spezia/Portovenere und endet auch erst weiter nördlich bei Sestri Levante. Die Trennlinie des Küstengebirges von dem Binnenapennin bildet hier die angesprochene Via Aurelia, eine aus der Römerzeit stammende mediterrane Transitverbindung zwischen dem alten Rom und den südlichen Stämmen der Gallier etwa in der heutigen Provence und daher nicht zufällig in der Neuzeit als SS1 betitelt.




Erstaunlich unbeleckt sind die Teile des Parco Nazionale delle Cinque Terre abseits der Küstenorte, des Küstenwanderwegs und deren Zufahrtsstraßen. Selbst dort ist die Autodichte geringer als erwartet, weil Parkplätze bei den Orten rar sind und viele Besucher doch die Bahn vorziehen, die meist untertunnelt die Küstenstrecke passiert. Jenseits der Cinque Terre erlauben breite Buchten, dass sich größere Orte wie etwa Levanto oder Deiva Marina ausdehnen können. Hingegen wird Portovenere mit eigenem Naturparkstatus gerne noch gemeinsam mit den fünf Dörfern der Cinque Terre vermarktet. Ich habe allerdings diesen kleinen Zipfel ausgelassen.






Die Riviera di Levante und ihr Hinterland
Der Rest der Italienischen Riviera (Ponente & Levante) war mir weitgehend aus einer weit früheren Reise aus dem Jahre 2002 bekannt. Trotzdem war es für mich spannend, nochmal einige weitere, kurze Abstecher zum Meer zu machen und zu schauen, was sich über die Zeit verändert hat – etwa in Bezug auf eine noch zaghaft wachsende Radinfrastruktur. Manchmal war ich auch nur wenige Kilometer vom Strand entfernt und habe mich dann gleich wieder ins Hinterland begeben – auch weil der Stadttransit und solche Strandabschnitte mir dann doch zu wuselig erschienen. Letztlich war also noch weniger Strand drin, als Meer im Blickfeld stand.




Nach den Cinque Terre folge ich noch ein wenig der Levante-Küste, bevor ich eine letzte Bergschleife im Spezzino einlege. Der Küstenradweg ab Levanto endet ohnehin in Framura und weiter geht es für Radler wie Autos nur über den Berg – selbst wenn man der Küste folgen wollte. Nach 23 Jahren feiere ich ein Wiedersehen mit der Via Aurelia, die sich an Abend und Morgen überraschend still präsentiert. Um den Passo del Bracco ist sie weniger Pass- als Höhenstraße auf einem Plateau mit ausdehnten Kiefernwäldern.


Verwegen und verwunschen lautet mal wieder die Headline zur Runde noch weiter ins Hinterland über Ziona und einige kleine Pässe. In Torza nimmt die Verbindungsstraße zur Küste einen Tunnel, der für Radler gesperrt ist – gut so, das gewundene Sträßchen zum Santuario di Velva ein Ruhegedicht oder schon Gebet genug. Eng gewunden sind die Kurven auf der Folgestrecke, die Dörfer gestaffelt am Hang. Schon fast urbane Talebene, nehme ich nochmal Kurs auf die Via Aurelia auf dem Bergkamm, der das Petronio-Tal vom Meer trennt. Am Hochpunkt Masso Alto an der Via Aurelia kann man sogar einen Camping finden – ein Junge vom Terrassenrestaurant glaubt sogar, ich würde ihn suchen. Ich suchte aber eher die Aussicht von der Via Aurelia, derer sich fortführend mehrere zum Meer ergeben. Die Straße fällt auch hier nur wenig ab, dafür um so steiler und wilder nach Casarza Ligure zurück in die Talsohle vom Petronio-Fluss.

Unten: Verwegene Auffahrt zum Passo del Bocco aus Südwesten
Appennino Genuese (Liguria)
Bereits mit Velva hatte ich die Grenze zur Metropolitanstadt Genua überschritten, verbleibe zunächst auch abgesehen von wenigen Millimetern in der Region Ligurien ohne Kammquerung. Über die Südwestanfahrt erreiche ich aber nochmal den Passo del Bocco und den Parco Naturale Regionale dell’Aveto, noch in guter Erinnerung von meiner Nordschleife (vgl. Kap. APN-2025-2). Der Landschaftszauber und manche ausgewiesene Attraktion des Parks erwischen mich ungeplant, so hätte ich hier noch viel mehr Zeit verbringen können. Viele Wasserfälle und Eiszeitseen sind wiederum nur auf weiten Extratouren zu finden.

Der stimmungsvollen Kurvenfahrt durch die Berge mit den verwunschen Adlerdörfern tut das keinen Abbruch und Rampensammeln gehört wiederum dazu. Es gibt kaum Plätze oder Kehren, wo man nicht anhalten möchte. Die Rundschleife von und nach Borzonasca über Acero und den Passo della Forcella entführt in verwegenes Urwaldfeeling, die Tour ins Val Cichero krönt eine Terrassenaussicht in entrückter Dorfidylle, den Passo di Romaggi hinunter beschwipst die Sinne im Kehrenrausch, eine Autofahrerpaar mich gar zur Vorsicht mahnt – doch warum nicht selber das Auto zähmen, sie mich ja noch überholen taten?
In der Talsohle der Lavagna endet diese so entrückte Bergwelt im städtischen Leben, das die Straßen und Orte befüllen, Chiavari zur Küste ist auch nicht weit weg. Ein Radweg entführt kurz an idyllische Plätze abseits, aber endet auch gleichbald wieder. Ich hatte einen Pass gestrichen, mein Zeitkonto war längst weiter explodiert von den Anstiegen und Mußezeiten überstrapaziert. Nur sollte mir das kaum einen Vorteil bringen, denn in Quartaie nahm ich einen falschen Abzweig – einer zu früh vor Ferrada, sodass ich eine nutzlose Steilrampe zu einem Adlerdorf mit Kirche erreichte, wo kein Weg mehr weiterführte.

Von der Sackgasse geschunden und zugleich im Tag weit verschoben, machte sich der Anstieg zum Passo della Spinarola zwar etwas einfacher, aber getrieben dort von unersättlichen Moskitos, die sich heimtückisch in den Dornenbüschen verstecken. Brombeergenuss ist in diesen Breiten oft mit doppeltem Stichrisiko verbunden. Zur anderen Seite überrascht ein Häusermeer in Uscio in kaum zugänglichen Hanglagen, verwegen, was die Ligurer so aus Platzmangel in die Berge treiben. Die Panoramaroute zum Monte Fasce wandelt etwas auf und ab, liegt leider schon in der Dämmerung, so mancher Ausblick im Dämmerlicht erstickt. Den Monte Fasce erreichte ich schließlich erst zum nächsten Tag.

Mein Schuhproblem hatte sich derart verschärft, dass der endgültige Zerfall drohte. Ich musste folglich Genua nutzen, um endlich neue Radschuhe zu bekommen. Die letzten Sackgassenmeter zum Monte Fasce mit den Sendemasten kürzte ich entsprechend, um noch vormittags in die Stadt Genua zu gelangen. Der Abfahrtsrausch hier imponierend von der Aussicht über die städtische Bucht begleitet, bald dann aber nicht mehr. Am Stadtrand in Borgoratti hatte ich eigentlich die Abkehrtangente zur Stadt geplant, musste aber für das Shopping eine Schleife in die Stadt fahren. Die nächst gelegene Adresse erwies sich als Google-Fehler, Laden tot und länger gesucht als fröhlich zu werden. Ich musste entsprechend weiter tief in die Stadt hinunter, nicht ganz jedoch zur Altstadt und Hafencity. Laden Nummer zwei erlöste mich schließlich vom Schuhproblem, so gerade noch mit Glück vor der Siesta.

Die Verkehrshölle muss man dann bergauf zurück – zwar nicht steil, aber Gasmaske wäre lohnenswert. Die Veloshopverkäuferin meinte, Genua sei schon sehr speziell. Ich kannte die Stadt zuvor ja nur von der Hafenseite mit der edlen Shoppingmeile in der hafennahen Altstadt. Nun ja, mit einem Mittagssnack und Erfrischungsgetränk war ich dann doch wieder recht gut zurück in Borgoratti und auf Kurs. Das Tal nun aufwärts ist zwar nicht gerade einsam, aber doch recht hübsch für eine urbane Agglomeration.

Zur anderen Seite drängt sich am Bisagno dann die städtische Besiedlung samt chinesischem Einkaufstempel dichter und dichter mit Straßen auf beiden Flussseiten, aber immer noch eng eingeschlossen durch die Berge. Nicht dass ich nochmal nach Genua einfahren würde, nehme ich bald eine nächste Auffahrt, die durch einen Tunnelpass ins Val Polcevera überführt, gleichwohl noch spürbare Großstadtagglomeration, doch schon etwas beschaulicher. Nahe dem Tunnelpass verbirgt sich ein alter Bahnhof, der heute als liebevolles Bistro ein zweites Leben erfährt, wenngleich zur späten Stunde längst geschlossen.

Um den historisch bedeutsamen und verkehrsträchtigen Giovi-Pass zu queren, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Meine sehr umwegige Route mit zwei weiteren Nebenpasshöhen u.a. über San Cipriano und Serra Chiesa ist zwar recht kompliziert, vermeidet aber weitgehend die verkehrsreichen Straßen. Es sind hier noch zahlreiche andere Varianten denkbar. Entscheidend ist eher, dass man auf die Nebenstrecke über Montanesi gelangt, die nicht direkt zur Passhöhe führt, sondern zunächst die Pian delle Barche erreicht, wo man über eine Höhenroute quer nach Westen zum eher viel befahrenen Passo dei Giovi gelangt.
