Titelbild Tofane/Cortina mit eingeblendetem, verzerrtem Olympialogo Milano Cortina und Dekovelo
Alpen,  Italien,  Lombardei,  Regionen,  Südtirol-Trentino,  Venetien

Milano Cortina 26 –
Olympische Velo-Variationen

Bormio (Sondrio/Lombardia)

Der Schwenk schweift nun weit nach Westen und Selbstverständlich ist der eigentliche Grund für die weit entfernten Austragungsorte. Mit Mailand ist die Lombardei die dritte Verwaltungsregion der Spiele neben Veneto und Südtirol-Trentino, damit eine ganz andere Ecken der – allerdings immerhin noch – Ostalpen. Bereits die Olympischen Winterspiele in Turin 20 Jahre zuvor galten als Spiele der langen Wege. Vergleicht man diese mit den aktuellen Spielen, betragen nunmehr die längsten Entfernungen (Milano – Antholz, ca. 350-400 km, je nach Route) das 3,5-4-fache der längsten Distanzen bei den Turin-Spielen (Torino – Sestriere, ca. 100 km).

Die Region Lombardia möchte nun auch mehr beteiligt sein als nur Hallenwintersport in der Metropole. Kaum tiefer im Berg kann da der Nationalpark Stilfserjoch liegen – naturale, schützenwerte Hochgebirgsschönheit. Dahin großes Tamtam zu verfrachten, scheint zunächst besonders kritisch. Genauer betrachtet ist es aber nicht viel anders als an den anderen Standorten. Ausgewiesene Infrastruktur mit internationalen Weltcuprennen ist man auch dort gewohnt, doch ungleich bescheidener gibt sich Bormio (1225 m) als Cortina – der Ski-alpine Gegenpart. Wir hoffen mal, dass es so geblieben ist – zumindest nach den Spielen.

Die Rennen werden auf als sehr schwer eingestufter Stelvio-Abfahrt bewältigt und damit nicht, wie manche vermuten werden, am radelbekannten Stelvio-Pass, sondern zur Westseite des oberen Adda-Tals quasi gegenüber von Bormio. Das Stelvio und die Stelvio sind also zwei verschiedene Dinge an unterschiedlichen Orten – beide von internationalem Renommee, um nicht zu sagen, weltbekannt. Zudem kann Stelvio auch die gleichnamige Gemeinde meinen, einen Käse, den Nationalpark und schlimmstenfalls auch noch mehrere Auto- und Motorradmodelle.

Somit liegt der Olympiahang an der Anfahrt zum Gavia-Pass (2618 m), dem ohnehin mindestens die gleiche Radfahrehre gebührt wie dem Stelvio-Pass (2757 m), dessen Kurveneldorado der Westflanke die Fotostrecken von Social-Media-Kanälen bis zur erbrechenden Langweile fluten. Der Gavia-Pass zeigt dazu noch deutlich härtere Zähne als die Stelvio-Ikone. Schönheitspunkte sammelt er gleichwohl ebenbürtig ein, beide Seiten verrechnet sogar mehr als das Stilfserjoch, dessen Westflanke keineswegs so toll ist wie die immer gleichen Kurvenfotos nahelegen sollen. Zudem müssen sich die Westflanke Stilfserjoch und Umbrail-Pass (2503 m) weitgehend teilen, der wieder Bormio direkt mit dem Val Müstair im Unterengadin der Schweiz verbindet.

Noch eine wintersportliche Besonderheit gilt hier zu erzählen, denn „Olympia trifft ehemalige Olympiasiegerin“. Deborah Compagnoni, in Bormio geboren, nahebei in Santa Caterina am Gavia-Aufstieg ein Hotel der Eltern gelegen, legte in den 1990er Jahren mit drei Olympiasiegen in Riesenslalom und Super-G den goldenen Grundstein zur erfolgreichsten italienischen Skifahrerin dieser Dekade. Das Olympia-Wiedersehen hat sie schon beehrt, indem sie für die aktuellen Spiele das Olympiafeuer in Mailand gemeinsam mit dem gleichwohl ehemaligen Skirennstar Alberto Tomba entzündete.

Nach Bormio gelangt man ferner durch das Valtellina, dem Adda-Tal folgend und fast bis dahin sogar auf teils neu konzipiertem Radweg ab dem Nordende des Comer Sees. Wer es den Waden richtig geben will, nimmt Bormio als Basis für die Mortirolo-Befahrung (1852 m), so man das obere Adda-Tal bald verlassen muss. Dazu gibts gleich mehrere Varianten. Nimmt man den ersten Abzweig von Bormio aus gesehen, ist es noch ein wenig leichter.

Die geheimverdächtigen Pässe liegen eher zur Gegenseite des Olympiahangs, also ins Valdidentro rein mit dem Passo Foscagno (2291 m) und zugleich ein Übergang, der letztlich nach Livigno, dem letzten hier zu besprechenden Olympiaort führt. Der Foscagno-Pass ist Teil einer Pässe-Dreierbande, die das abgeschiedene Livigno-Tal zwischen Schweiz und Adda-Tal erschließt, im Zweifel auch im Rundkurs vom und zurück ins Adda-Tal. Der Foscagno-Pass scheint mir unterbewertet, schaut man doch gerne zu den großen Konkurrenten Bernina, Gavia oder Stelvio umher, auch der Livigno-Pass genießt noch mehr Renommee. Vom Foscagno-Pass ins Valdidentro fahrend genießt man immer wieder lang reichende Ausblicke ins Adda-Tal bei Bormio und auf die Ortler-Alpen.

Noch vergessener scheint der Passo Torri di Fraele (1941 m), derer Türme es zwei sind, die da im Namen bezeichnet werden. Mehr aber als die Wachtürme vergangener Zeit zeichnet den Pass sein Kehreneldorado aus, das sich durchaus mit der bekannten Stelvio-Westflanke messen kann. Allein sein Schicksal ist die begrenzende Sackgasse – zumindest, wenn man sich auf Asphalt beschränkt. Für MTBer und auch rustikal gewappnete Tourenfahrer ist er aber Zugang oder Abschluss von ausgewiesen attraktiven Schotterrouten des Alpisella-Passes ins Livigno-Tal oder des Val Mora ins Val Müstair im Engadin.

Livigno (Sondrio/Lombardia)

Nun also die letzte Olympiastätte – auch nicht zufällig, Wintersport ist in Livigno (1816 m) Tradition und Geschäftsmodell seit Jahrzehnten oder auch quasi traditionelle Lebenswirklichkeit wegen der Höhenlage. Die Bebauungskultur hat sich dabei auch ohne Olympia bereits Freiräume geschaffen, die nicht unbedingt zum Vorteil von Tal und Ortschaft beigetragen haben. Das Konglomerat aus einer langen Kette mehrerer Fraktionen, die beim schnellen Blick kaum erkennen lassen, wo denn nun Livigno-Zentrum liegen soll, basiert durchaus auf traditioneller Holzbauweise, doch sind die Bauten explodiert in zu großer Zahl, auf Haufen zusammengewürfelt und manches darunter verletzt das Stilempfinden dann doch arg sehr. Gewiss ist das auch zu erwarten, ist Livigno als Zollfreigebiet doch eine Shoppingmeile u.a. auch für die nur wenig entfernten Schweizer Nachbarn, wo die Geschäftsmeilen auch mal wichtiger sind als die Bewahrung eines alpenländischen Charmes.

Die Wettbewerbe des modernen Freestyle-Skisports platzieren sich auf der Nordseite des Monte delle Rezze. Die Bezeichnung „Snow & Bike Area Livigno“ erklärt bereits, dass es hier eine verbandelte Action-Arena für Skifahrer und Radler gibt – genauer gesagt MTBer oder Downhiller, die nicht nur an diesem Hang Reviere finden. Nahegelegene Schotterpässe wie Alpisella, Trela oder das Val Mora locken Offroader aller Art an, nicht zuletzt auch Actionhelden mit motorisierten MTBs, die neuartigen Auswüchse zeitigen zu Lasten von Natur und Naturfreunden. Effekte des Höhentraining ziehen im Sommer alle Arten von Ausdauersportlern an, neben Skifahrern, MTBern auch Straßenradrennfahrer. Von allen aktuellen Olympiaorten wird diese Schiene hier am aggressivsten vermarktet.

Wir wollen hier nicht zu viel klagen, denn Livigno hat eben auch eine ausgewiesen abwechslungsreiche Naturumgebung, wenngleich die schwierigen Schotterstrecken und die Tunnelsperre in die Schweiz etwas einschränkend sind. (Der Tunnel zur Ofenpassstraße kann nur noch per Busshuttle gequert werden, seitdem sich ein Unfall mit einem Radler ergab.) Der Forcola di Livigno (2315 m) als Zugang aus der Schweiz und der Bernina-Passstraße hat seine überragenden Qualitäten eher auf der Schweizer Seite. Dort sorgen erodierte Erdschichten für einen Hauch von Mondlandschaften, die sich in einer besonders ausgeprägten Bergblumenvielfalt kontrastiert. Zur Livigno-Seite sorgen hingegen zur frühsommerlichen Blütezeit Gräser für rosafarbene Bergwiesenteppiche.

Bleibt man nach der Querung aller Livigno-Ortsfraktionen im Tal, wandelt sich das Farbenspiel über Gelb und Lärchengrün zu funkelnden Wasserspielen auf dem Stausee, an dem sich die steil aufragenden Bergkulissen immerzu ändern. Der leicht zu radelnde Fahrweg Ufer, zur Straßenseite genüberliegend, endet an einem Ausflugslokal mit Servicestation für Radler. Genauer gesagt beginnt dort der Anstieg zum Alpisella-Pass (2297 m), zunächst verführerisch gut zu meistern, später aber arg ausgewaschen, rustikal und steil, sodass man mit klassischem Trekkingrad schon eher die Grenze des Machbaren überschreitet.

Der Kreis ließe sich hier zum Valdidentro schließen, wie oben schon erwähnt über den Passo Torri di Fraele, dazwischen gelagert der bezaubernd wirkende Cancano-Stausee. So noch festzuhalten ist, dass dieses Gebiet gleichwohl noch zum Nationalpark Stilfserjoch gehört, also quasi die beiden Olympiaorte Livigno und Bormio über diesen verbunden sind. In eine weite Runde ließe sich die Lombardei-Orte auch noch mit Mailand verbinden, z.B. über Routen, die einige der oberitalienischen Seen einbeziehen wie Comer See und Iseo-See.

Abschließend kann man bilanzieren, dass es drei Regionalblöcke mit Milano addiert gibt, die in sich gesehen recht kompakt sind, allerdings untereinander eher willkürlich zueinander gewürfelt wurden, um die Olympischen Spiele komplett auszugestalten. Das hätte man sicherlich auch anders lösen können, ob in Kosten und Umweltverträglichkeit effizienter, bleibt dabei offen und mit vielen Fragezeichen versehen. Eher müsste man für kompaktere Spiele Wettbewerbe und Ansprüche wieder etwas abrüsten – doch dazu fehlt nicht nur dem IOC der Wille, sondern auch den meisten Sportler und manchen Zuschauern das Verständnis.

Alle Olympiaorte radlerisch zu verbinden wäre schon eine recht umfängliche alpine Herausforderung, gewiss aber auch in einem überschaubaren Zeitraum noch zu bewältigen. Ob es wiederum schlau ist, winterolympische Orte als einziges Routenkriterium zu nutzen, würde ich verneinen – aber jeder ist ja anders, und manchmal sind die Anreize wichtiger als was rauskommt. Die Sommeralpen haben ja doch wieder ein anderes Gesicht – das sollte man sich vor Augen führen. Wintersportliche Wettbewerbsanlagen sind im Sommer selten ein ästhetischer Hingucker, eher schon ein Mythos, in manchen Fällen auch nach Jahren eine Ruine – auch das kann sehr ernüchternd sein.

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