ALP-2025-GB-1
Südalpen (Verona – Monte Baldo – Grasstein)
Burgen, Kunsthandwerk und Fahrradkultur – die Brennerroute im Eisacktal
In Bozen wusste ich zwar ohne Innenstadtquerung an dem Eisack langzufahren, doch selbst hier sorgte ein nicht eindeutiger Wegweiser für Verwirrung, welche Flussseite denn nun die Brennerroute nimmt. Versuche, das mit einheimischen Passanten zu klären, scheiterten auf haarsträubende Weise, weil viele nur noch verstöpselt herumlaufen, andere nicht mal reagieren, wenn man sie anspricht, wieder andere keine gängige Sprache sprechen und nochmal andere, die über keinerlei ortsgeografische Kenntnisse verfügen – bei vielen kommt mehreres zusammen. Am Ende gewann meine eigene Orientierungsnase doch noch.




Ungewöhnlich zum Sonntag, haben einige Einkaufscenter in bozen noch bis 20 Uhr geöffnet – das schaffen die meisten Geschäfte in Südtirol nicht mal unter der Woche. In einem Decathlon-Laden suchte ich mein Problem mit dem erst zwei Jahr alten Zelt zu schildern, da nahezu alle Verschleißstellen des Zeltes schon gravierende Mängel aufweisen. Im spanischen Figueres lockte man mich zum Kauf, weil Decathlon weltweite Garantie und Reparatur für die Eigenprodukte verspricht. In Bozen war davon nichts mehr zu hören. Die abschließende Antwort war „Sie wissen doch, dass es billig ist, da können Sie auch nicht viel erwarten.“ – Es ist wie so häufig in der Gesellschaft: Es geht vornehmlich um schlitzohrige Geldmacherei, Verbindlichkeit ist ein Fremdwort. Die Stangentaschen und -kappen musste ich schon mehrfach, bisweilen abenteuerlich reparieren – aber manche dieser Maßnahme scheint wertiger zu sein als das Ausgangsmaterial.

Die Zeit war so eher vergeudet und die blaue Stunde schon bald vorbei, bevor ich wesentlich aus Bozen herausgekommen war. Immerhin braucht man auf dem Radweg keine Straßenpassage mehr durch die Tunnels zu radeln, wie es zwei Jahrzehnte früher noch der Fall war. Soweit auch der Radweg durch den Berg muss, sind eigene Tunnelröhren dafür in den Fels geschlagen worden. Ein weiteres Plus des Eisacktalradwegs (gleichermaßen auch als Brenneroute ausgeschildert) aus jüngerer Zeit ist die „Augenreise“, ein inklusives Kunstkonzept aus dem Jahre 2007, der den Abschnitt zwischen Bozen und Blumau als „Radkunstweg“ auszeichnet. 12 Skulpturen, diverse Wandmalereien, Zeichnungen, Säulen und Fahnen sollen nicht nur den Radler erfreuen, sondern auch einen praktischen Benefit für Menschen mit Behinderung schaffen, die an der Umsetzung der Kunstwerke beteiligt waren. Die unangenehm Kühle und dunkle Nacht machte es mir aber kaum möglich, viel davon einzufangen.

Mo, 8.9. Atzwang – via Eisacktalradweg – Kollmann – (Waidbruck) – Klausen – Brixen – via Pustertal-Radroute – Neustift – (Raas) – Schabs – Aicha – Franzenfeste – via Brenner-Radweg – Mittewald – Grasstein
54 km | 700 Hm





Eine tragende Erinnerung verbinde ich mit dem historischen Gasthof in Atzwang, in dem ich auf einer Alpenkurzreise im März 2004 im urig knarzenden Bett übernachtete, sowie traditionelles Bauerngröstel speiste, während ich ein geistreiches Gespräch mit dem ladinischen Wirt führen konnte (siehe auch: ALP-2004-1 Comer See – Gardasee – Brenner – Oberbayern: Vom Frühling ins Schneegestöber). Der Gasthof existiert immer noch, jedoch nicht mehr als Hotel, sondern nur noch als Dorfgasthaus für Kaffeepause oder traditionelle Speisen – das Gröstel steht immer noch auf der Karte. Leider war ich für die Einkehr zu spät am Ort. Platz für ein Zelt ist da eigentlich nicht, aber der Heilige Geist hilft dann doch immer wieder.

Im folgenden Verlauf ergeben sich einige Schnittstellen mit meiner vorjährigen Alpentour. Einzig ein Besuch in Klausen lag schon länger zurück, sodass ich mir dort etwas mehr Zeit nahm. Ich fand einen interessanten Gesprächspartner in einem Kunstatelier, dass sowohl traditionelles wie modernes Schnitzwerk anbietet. Der leitende Künstler beschäftigt dazu mehrere Kunsthandwerker, die die traditionellen Motive ausarbeiten, während der Chef auch einige moderne Kunstwerke entworfen hat. Die fein gefeilten Werke überstiegen dann doch meine Budgetgrenzen deutlich, sodass ich diesmal kein Souvenir erwarb.





Die Radwegtrasse nach Brixen rein schmeckte mir gar nicht, verläuft sie doch sehr öde durch ein ausgedehntes Gewerbegebiet. Ich kannte ja noch vom Vorjahr deutlich angenehmere Ein- oder Ausfahrten, die von den umliegende Bergen her möglich sind. Ich besuchte diesmal noch ein paar Radläden und fand auch dort eine interessante Gesprächspartnerin, die den Quereinstieg in das Fahrradgeschäft gewagt hatte, nachdem sie in einer scheinbar „besseren“ Branche aus dem Job gemobbt wurde.
In Brixen bereitet dann die Ausfahrt wieder Ärger, sodass ich unbewusst der Pustertalanfahrt über Schabs angetreten bin, während ich die originale Brennerroute verfehlte. Wie ich erst später in Schabs erschließen konnte, sollte es die Umleitungsstrecke zum Brenner sein, andererseits fehlte in Franzensfeste ein Umleitungshinweis in Bergabrichtung. Letztlich kann ich den Umweg verschmerzen, scheint mir diese Variante auch hübscher als die die eigentliche Brennertrasse. So richtig hübsch ist aber eher nur der untere Teil durch die Weinberge beim Kloster Neustift, während man weiter oben nebst eine kurzen Schotterstrecke unangenehm neben der Straße fährt. Der Verkehr ins Pustertal ist ja nicht geringer als auf der Brennerstraße, wie schon im letzten Jahr feststellen musste. Genauer gesagt, nimmt der Verkehr auf der Brennerstraße sogar deutlich ab, wenn man außerhalb der Siedlungsgebiete des Brixener Kessels ist.




Die Wehranlage Franzensfeste wird für unterschiedliche Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt, ist allerdings komplett unzugänglich außerhalb der mageren Öffnungszeiten. Das ist sehr ärgerlich, könnte man doch bestimmt einen Teil der Anlage frei zugänglich machen. Je nach Definition beginnt das Wipptal bereits mit der Kluse von Franzensfeste – geologisch genauer an der Sachsenklemme bei Grasstein. Da ich mich noch etwas in die Dunkelheit reinbewege, erreiche ich tatsächlich ziemlich genau diese Grenze zu Tagesende, wenngleich es dort kaum geeignete Rastplätze gibt.


